Nach 14 Jahren Schule, die ihm wie ein Gefängnis vorkamen, fasst Stas Tschernetzki einen kühnen Plan: Er absolviert seine mündliche Abiturprüfung und fährt mit dem Fahrrad ans Nordkap. Die Ergebnisse seiner Abi-Klausuren sind ihm egal und während seine Schulfreunde in Kleid und Anzug das Ende ihrer Schulzeit mit dem Abitur-Zeugnis entgegennehmen, baut er im norwegischen Wald eine Hütte. Dass er bestanden hat, erfährt er erst Monate später über Facebook. Die ungewöhnliche Geschichte eines jungen Mannes auf der Suche nach Freiheit.

Hauptsache raus und Leben

Laatzen, irgendwann im Mai 2011: Ein Schüler sitzt in seinem Zimmer am Schreibtisch und büffelt im Schein seiner Schreibtischlampe für die mündliche Abiturprüfung. Er lernt halbherzig, denn die Vorfreude, auf das, was danach kommt, fesselt seine ganze Aufmerksamkeit. Mit dem Fahrrad ans Nordkap, die Freiheit genießen, der Gesellschaft und ihren Normen entfliehen, das ist es, was Stas Tschernetzki nach vierzehn Jahren Schule mehr antreibt als alles andere. Der Abischnitt? Egal! Hauptsache raus und leben! Das richtige Leben erleben, nicht das, was die Gesellschaft mit ihren abgeschmackten Konventionen für richtig hält.

Die Vorbereitung der Reise gerät zum Spießroutenlauf. Mitschüler lächeln müde über die Idee, Freunde sagen „Krass, aber das kannst du nicht wirklich bringen!“ und die Mutter gibt zu bedenken, dass eine solche Reise ohne Geld und Krankenversicherung für das Ausland auf keinen Fall möglich ist. Vielleicht lieber erst mal ein paar Jahre irgendwo arbeiten, bevor man die Reise antritt? Doch Stas hat sich innerlich schon  längst entschieden und lässt sich von seinem Entschluss auch nicht mehr abbringen. Keine Lebenszeit mehr verschwenden, einfach nur raus – jetzt und ohne Kompromisse!

30 Euro-für den Notfall

Er absolviert seine P5-Prüfung, verlässt das Schulgebäude, überprüft nachmittags noch einmal den Drahtesel und verabschiedet sich dann von ein paar guten Freunden, die er erst Monate später wiedersehen wird. Dass er seine schriftlichen Abiturergebnisse noch nicht kennt und eventuelle Nachprüfungen verpassen wird, nimmt er billigend in Kauf. Der Lebensabschnitt Schule ist für immer beendet, ganz gleich mit welchem Ergebnis. Nach langer Diskussion lässt er sich von seiner Mutter schließlich noch dazu überreden, wenigstens 30,- EUR mit auf die Reise zu nehmen- für den Notfall.

Dass er dieses und eher noch mehr Geld während seiner Reise zwar wahrscheinlich des öfteren gut gebrauchen könnte, ist ihm bewusst, ebenso der Wahnsinn, nur mit seinem Rucksack ins Unbekannte loszufahren. Dennoch entscheidet sich der Abiturient dazu, seinen Trip so einfach wie möglich zu gestalten: Straßenkarten von Deutschland, Dänemark und Schweden werden als unnötiger Ballast angesehen und verstauben weiter zu Hause in der Schublade, das Geld wird bereits nach dem ersten Tag in Hamburg investiert, fortan ist Stas komplett auf sich allein gestellt. Er weiß nicht, wohin ihn diese Exkursion führen wird, weiß nicht, wann er an seinem Ziel, dem Nordkap, ankommen wird – geschweige denn, ob er es überhaupt schafft und nur auf zwei Rädern bis hoch in den Norden Europas vordringen kann.

Essensreste als Hauptmahlzeit


Die Schule ist ein Gefängnis

Die ersten Tage der Reise verlaufen ruhig, der erste Muskelkater vom tagelangen Fahrradfahren ist schnell überwunden, der Aufbau des kleinen Zeltes, in dem Stas die Nächte verbringt, verläuft schematisch täglich gleich ab. Dass seine Route nicht geplant und abgesteckt ist, stellt für ihn kein Problem dar, sein Ziel liegt nördlich, und so folgt er verschiedenen Autobahnen gen Norden, erst Richtung Hamburg, dann weiter über Kiel und Flensburg nach Dänemark. Die dänischen Inseln Fyn und Sjaelland passiert er über kleinere Brücken und Tunnel, auf das schwedische Festland gelangt er schließlich über die 8km lange Öresundbrücke. Die einfachere Variante, nämlich Norwegen mit der Fähre zu erreichen, ist einfach nicht drin: Es fehlt schlicht und einfach an Geld, aber die Umwege nimmt Stas gerne in Kauf, denn er hat ja Zeit. Wozu also sich stressen lassen?

Nach 16 Tagen und 1230 km erreicht der Abiturient sein erstes Etappenziel: Oslo! Die Reisestrecke fliegt förmlich an ihm vorbei, selbst jetzt noch verlässt sich Stas fast nur auf seine eigene Orientierung und Straßenschilder, die winzige Norwegen-Pocketmap bleibt tief in der Tasche verstaut, bis zum Ende seiner Reise wird Stas sie kaum brauchen und sie letztendlich nur prophylaktisch dabei gehabt haben. Dass er nie weiß, was ihn am nächsten Tag erwartet, beunruhigt ihn nicht, er lässt sich einfach vom Leben selbst überraschen. Dass er nie weiß, woher er etwas zu essen bekommt, ist ihm egal. Dass er beginnt, Pfandflaschen zu sammeln und in Restaurants nach übrig gebliebenem Essen zu fragen, dass ihm fremde Menschen plötzlich Geld und Lebensmittel schenken, das alles ist Teil seines Lebens als Aussteiger, gehört zu seiner Spontaneität und Abenteureridentität dazu.

Als Anhalter nach Norwegen

In Norwegens Hauptstadt jedoch wird Stas‘ ideelles Vorhaben mit der Realität konfrontiert und sein Plan bekommt erste Risse: Nach dem ersten Teil seiner Reise ist das Fahrrad am Ende seiner Kräfte und Stas erkennt, dass er auf zwei Rädern nicht mehr weit kommen wird, geschweige denn dass er damit die restlichen 2140 km bis zum Nordkap zurücklegen kann. Für die nötigen Ersatzteile oder gar ein neues Gefährt fehlt es am Geld, welches gerade mal so für das tägliche Essen reicht. Kurzerhand besucht Stas eine Austauschschülerin, die er während seiner Studienfahrt nach Oslo kurz vor dem Abi kennen gelernt hat und lässt sein Fahrrad einfach bei Benedicte stehen. Von nun an geht es per Anhalter weiter, Umkehren oder Aufhören ist für Stas keine Alternative. Vorwärts, weiter bis zum Nordkap – egal wie. Hauptsache, es geht weiter, Hauptsache, es geht voran.

Ob Stas Bedenken hatte, einfach so bei fremden Menschen per Anhalter mitzufahren? „Nee, da hab ich mir keine Sorgen gemacht. Bis dahin hatte ich fast ausschließlich nur mit netten Menschen Kontakt gehabt, außerdem konnte einfach jeder Bauarbeiter englisch.“, erzählt er, noch nicht einmal die fremde Sprache bereitete ihm Probleme. Als Mitfahrgast legt Stas die letzten Kilometer bis in den hohen Norden Europas zurück, die Autos, die neben ihm anhalten, sind so verschieden wie auch die Menschen, die ihm einen Platz anbieten. Meistens sind es einfache Norweger, die ihm die Tür öffnen, wenn Stas auf dem Seitenstreifen steht, einmal trifft er einen Banker, der ihn in einem Mercedes der S-Klasse mitnimmt und ihn anschließend im Supermarkt noch mit Lebensmitteln für die nächsten Tage eindeckt.

Die Freiheit des Momentes

Weitere Tage vergehen, die Stas unterwegs in fremden Autos, am Straßenstrich stehend und nachts im Zelt schlafend verbringt, die gesellschaftlichen Konventionen liegen weit hinter ihm. Je weiter er fährt, desto dünner ist das Land besiedelt, sein Leben bewegt sich fernab der Zivilisation. Über einen Monat, nachdem Stas der Heimat Laatzen den Rücken gekehrt hat, erreicht er schließlich die Landspitze, die den nördlichsten Punkt des europäischen Kontinents darstellt. Das Nordkap erhebt sich vor ihm, er sieht vor sich nur noch die unendlichen Weiten des Meeres. Neben ihm steht das kupferne Modell der Weltkugel, das die Aussichtsplattform ziert. Er hat es geschafft, hat sich durchgeschlagen, durchgebissen- und hat die Freiheit dieses Momentes dafür gewonnen.

 
Über die
Brücken zurück in die Heimat

Doch Stas‘ Reise ist noch nicht vorbei, am Nordkap endet nur die erste, wenig geplante Reiseroute. Was nun kommt, ist ungewiss, klar ist ihm nur, dass es irgendwie weitergehen soll. Zunächst beginnt er, per Anhalter weiter in Richtung Finnland zu fahren, bis er irgendwann Mitte Juni eine Mitfahrgelegenheit findet, die für ihn in einem Aushilfsjob endet: Die nächsten Wochen lang steht Stas‘ Zelt durchgehend an der selben Stelle. Tagsüber repariert und erneuert er selbstständig das Boot des Norwegers, zusätzlich hilft er bei anfallenden Arbeiten rund um das Grundstück. Im Gegenzug dafür wird er mit Essen, Bier und fließendem Wasser versorgt- ein rares Gut für den Weltenbummler. „Mit anderen Norwegern waren wir auch zusammen feiern “, lacht Stas, „alle Norweger, die ich unterwegs getroffen hab, waren einfach total offen und unkompliziert.“

Immer weiter

Nach knapp einem Monat wird Stas jedoch klar, dass seine wirkliche Reise weitergehen soll, dass er nicht mehr länger an einer Stelle verweilen will. Die Fahrten bei fremden Menschen im Auto ist der Abiturient mittlerweile gewöhnt, das teilweise sehr lange Warten am Straßenrand ebenso, und so folgt er seiner vorherigen Reisestrecke weiter in Richtung Finnland. Einige andere Aussteiger, die er während seiner Reise getroffen hat, haben ihm bereits von der unglaublichen Natur und Wildnis Finnlands erzählt, die Freiheitsaffinität drängt Stas dazu, diese Unberührtheit ebenfalls zu erleben. „Da sind maximal fünf Autos pro Stunde an mir vorbeigefahren, in diesem Gebiet lebt wirklich keine Menschenseele!“, so beschreibt er die finnische Landschaft. Sein Aufenthalt in Finnland währt jedoch nicht lange, er kehrt bereits nach kurzer Zeit nach Norwegen zurück und trampt von dort aus wieder zurück nach Hause, erst Richtung Oslo, dann wieder über die dänischen Brücken zurück in die Heimat.

Am 13. August kommt Stas, nachdem er 85 Tage unterwegs war, wieder in Laatzen an. Sein altes Leben ist plötzlich einengend, ungewohnt und befremdlich, dazu wird seine Realität von einer unglaublichen Reizüberflutung verfälscht, nachdem er fast vier Monate im Unbekannten verbracht hat. Ein paar Wochen lang wird er wohl in der Heimat bleiben und es genießen, sich mal nicht darum kümmern zu müssen, die nächste Reiseverbindung durch den stundenlang ausgestrecketem Daumen und einem Schild mit darauf geschriebenem Zielort zu ergattern. Dennoch: Auch wenn es alles andere als ein pauschaler, verwöhnter Fünf-Sterne-Urlaub in großzügiger Hotelanlage war, ihm gefällt das spontane, dreckige Abenteuer-Dasein so viel besser.

Oder um es in den fünf kurzen Wörtern zu sagen, die er unter ein Porträt von sich selbst in Norwegen bei facebook schreibt : „Best decision of my life!!“

Die beste Entscheidung

Und was steht nun als nächstes an? Erstmal soll es wieder zurück nach Norwegen gehen, „mit einer Schrottkiste mit all meinen Sachen darin“, erzählt Stas. Dort will er zunächst ein paar Jahre auf einem Fischkutter arbeiten und ein bisschen Geld zur Seite legen, um sich dann anschließend mit einem Jeep und Freunden wieder aufzumachen, diesmal um Afrika zu erleben, vielleicht dann noch weiter um die ganze Welt reisen. Hauptsache, wieder weg, raus, Neues erleben, als Aussteiger die Welt erobern und die Umgebung mit anderen Augen sehen. Was auch immer er tun wird, eins ist gewiss: Es wird in keinem Fall langweilig werden.


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