Die Modekrankheit Burn-out scheint unsere ganze Gesellschaft zu prägen: Jeder ist erschöpft, gestresst und leidet unter innerer Leere.

Wir sind Ja-Sager! „Können sie auch am Sonntag arbeiten?“ „Ja Chef!“ „Gehst du mit mir shoppen?“ „Ja, ja.“ „Was willst du?“ „Liebe, Geld, Macht?“ „Wie oft hast du Ja gesagt?“ „Ich bin ein Ja-Sager.“ Ein Leben lang sagst du nur Ja, aber hast du es mal mit einem Nein versucht?

So wirbt ein französischer Autohersteller für sein neuestes Produkt. In der heutigen Gesellschaft hört man immer wieder von Menschen, die dem gesellschaftlichen Druck nicht gewachsen sind. Jeder versucht möglichst erfolgreich zu sein, doch häufig führt dieses Streben nach „Liebe, Geld und Macht „ zum Zusammenbruch. Folge – Burnout. Aber was verbirgt sich eigentlich hinter dem Begriff „Burnout“?

Das wollten wir herausfinden und haben uns auf den Weg zu Dr. Stefan Henniger (40), Oberarzt der Psychosomatischen Abteilung der MHH gemacht. Der ehemalige Schüler unsere Schule, der sein Abitur 1992 absolvierte, hat sich dazu bereit erklärt, unsere Fragen bezüglich Burnout zu beantwortet.

Als wir nach einer gefühlten Stunde bei strömenden Regen auf dem Gelände der MHH endlich klitschnass die Abteilung für Psychosomatik und Psychotherapie finden und uns im Wartezimmer aufwärmen, werden zeitgleich die Tabletten an die Patienten ausgeteilt.
Wir fügen uns wohl gut ins Bild ein und werden sogleich von einer netten Schwester gefragt, ob wir denn auch auf unsere tägliche Tablettendosis warten würden. Dies verneinen wir natürlich schmunzelnd.
Nach 10 Minuten öffnet uns ein sympathisch wirkender, lächelnder Mann. Wir setzten uns. Der Raum ist klein. Ein Blick auf den grünen Innenhof. An der Wand hängen gemalte Bilder von seinen Kindern. Nach kurzen Anekdoten über diverse Lehrer unserer Schule beginnen wir mit dem, was uns hierher geführt hat.


Ein Schlagwort der Presse

Erstmal wäre zu klären, was überhaupt hinter dem Begriff Burnout steckt. Burnout als Diagnose existiert in der Medizin nicht. Es ist mehr ein „Schlagwort der Presse“.
Der Zustand des Burnouts lässt sich vielleicht am besten mit Liebeskummer vergleichen. Mal ganz ehrlich, wer von euch kennt das nicht? Man fühlt sich schlapp, müde, lustlos, man hat Bauchschmerzen, Rückenschmerzen oder Kopfschmerzen, das Körpersystem kommt aus dem Gleichgewicht. Bei jedem kann sich das anders auswirken, wie beim Burnout. Beim Burnout liegt jedoch eine Phase intensiver Überforderung hinter einem. Die Leitsymptome des Burnouts sind Erschöpfung, Entfremdung von sich selbst und der Gesellschaft sowie Ineffektivität. Stress ist die Ursache, Burnout die Folge. Mit dem Zusammenspiel von Seele und Körper beschäftigt sich auch die Psychosomatik. Seele und Körper sind immer untrennbar miteinander verbunden. Die Symptome des Burnouts decken sich zum Teil auch mit denen einer Depression, so dass manche Ärzte gern letztere Diagnose stellen.

Tatsächlich kann man ein fortgeschrittenes Burnout-Syndrom nur schwer von einer Depression unterscheiden. Um das zu tun, müsste man die genaue Krankengeschichte des Patienten kennen. Doch ist es für einen Leidenden letztlich nicht gleichgültig, ob der Arzt von Depression oder Burnout spricht.

Typisch

Auch in den Medien lesen wir immer häufiger von prominenten Persönlichkeiten, die unter Burnout leiden. Ralf Rangnick, der Ex-Schalke-Trainer, der Rapper Eminem und Mariah Carey sind nur einige bekannte Fälle.
Kann man behaupten, dass die Zahl der Burnout-Opfer in den letzten Jahren gestiegen ist? Unser Fachmann kommt mit einer Gegenfrage: „Ist es wirklich häufiger geworden? Sind die Menschen heute wirklich seelisch kränker?“
Diese Frage ist schwer zu beantworten. Es wirkt fast so, dass Burnout, Depressionen und andere Stresserkrankungen epidemepidemische Ausmaße annehmen. Tendenziell kann man behaupten, dass heutzutage offener über solche Probleme geredet wird und sie so an die Öffentlichkeit getragen werden.
Aber vielleicht ist es auch tatsächlich ein neues Zeitphänomen, das durch Veränderungen in der Arbeitswelt, Globalisierung, Auflösung von Familienstrukturen und durch demografische Entwicklungen verstärkt wird. Angesichts der massiven Präsenz des Burnouts in den Medien scheint in unserer Gesellschaft irgendetwas grundlegend schiefzulaufen.
Was ist zu tun, wenn Köper und Geist nicht mehr mitmachen? Wenn man selbst unter seelischer Erschöpfung leidet?
Unser Experte Stefan Henniger rät: „Erstmal braucht man einen guten Psychotherapeuten! Man muss sich selbst über die Art, wie man gelebt hat, bewusst werden und dann gezielt etwas ändern. Man muss auf die Work-Life-Balance achten.“ Burnout entsteht unter dauerhaftem Ungleichgewicht zwischen Anspannung und Ruhe bzw. Aktivität und Erholung. Diese Balance ist beim Burnout-Syndrom oftmals gestört.
Welches Ich-Ideal habe ich? Welche Erwartungen an mich selbst?
Vielen Menschen mangelt es an Selbstmitgefühl. Dabei ist Nachsicht mit sich selbst eine wesentliche Voraussetzung für seelische Gesundheit.

Ist Burnout heilbar?

Alle psychischen Störungen sind von Mensch zu Mensch verschieden und müssen entsprechend behandelt werden. Sie bedürfen individueller Therapie – meist ist dies ein Mix aus Psychotherapie, Medikamenten, Bewegung und Entspannungsübungen. Die Faustregel für jede Behandlung heißt: ambulant vor stationär.
Die Familie wird zwar zur wichtigen Stütze des Patienten, kann ihn aber nicht vom Burnout kurieren, wenn er nicht selbst seinen bisherigen Lebensstil überdenkt.

Das Gespräch hat uns nachdenklich gestimmt und uns Parallelen zur Schule gezeigt. Wir sind bereits dort dem gesellschaftlichen Druck, immer der Beste zu sein, ausgesetzt. Wir haben 38 Stunden pro Woche plus Hausaufgaben, lernen für Klausuren und haben Angst vor dem Versagen. Aber fängt es nicht schon in der Grundschule an? Schon dort stehen Kinder unter dem Druck, die Gymnasialempfehlung zu bekommen. Häufig genug üben auch die Eltern Druck auf das Kind aus: Wir wollen doch stolz auf dich sein.
Unser Tipp nach diesem Gespräch: Gebt dem gesellschaftlichen Druck nicht nach! Wenn ihr merkt, dass ihr überfordert seid, tretet doch bitte einen Schritt kürzer!


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