DER SPARGEL besucht das Altenheim „Victor‘s Residenz“ und wirft einen Blick auf einen viel zu unbeachteten Beruf, der einem alles abverlangt

Täglich kann es passieren: Schon so lange liegt die Dame mit dem wunderschönen Lächeln im zweiten Stock in Zimmer 89 in ihrem Bett ohne sich noch bewegen zu können. Sie, ihre Angehörigen, das Pflegepersonal, ihre Zimmernachbarn. Alle warten sie nur auf das Eine: den Tod. Der Tod, der sie endlich erlöst. Von ihren Qualen, die sie jetzt noch ertragen muss, von ihrem Schmerzen.

Aber ist es nicht schlimm einen Beruf auszuüben, in dem täglich eine Person, die einem so ans Herz gewachsen ist, mit der man täglich viel Zeit verbracht hat, plötzlich stirbt und einfach nicht mehr da ist? Das Zimmer auszuräumen – immer mit dem Gedanken daran, was man dort mit dieser bestimmten Person erlebt und durchgemacht hat? Braucht es dazu nicht eine große Portion innerer Überzeugung?

DER SPARGEL war auf der Suche nach Personen, die sich dafür entschieden haben, alten Menschen noch eine schöne letzte Zeit zu bereiten, egal ob diese nun Tage, Monate oder sogar Jahre andauert, und für sie da zu sein.
Unsere Recherche hat sich gelohnt! Erstaunlicherweise gibt es eine Menge Menschen, die dazu bereit sind. Aber lest selbst:

Das tägliche Elend

Ein Altenheim, unscheinbar. Die Tür öffnet sich, während wir die Treppen empor steigen. Träge, wie in Zeitlupe, bewegt sich eine ältere Dame mit Krückstock an uns vorbei. Auf der Hälfte des Weges erraten wir ein kurzes, unverständliches, vermeintliches „Morgen“, welches wir in den nächsten zwei Stunden dort nicht nur einmal hören würden.
Am Empfang ein junges Mädchen, etwas unsicher in ihrem Tun.
Nach einigen Minuten des Wartens begrüßt uns Frau Behncke, Pflegedienstleitung: eine nette, offene, hilfsbereite Mitarbeiterin von Victor‘s Residenz. Sie geleitet uns in das „Herrenzimmer“ um uns dort einige Fragen zu beantworten.

Innere Überzeugung

Innere Überzeugung – die benötigt man. Und ein großes Herz. Ein Herz was offen ist, für alle Menschen die kommen und gehen. Ein Herz, dass Dich dazu bringt auf die Bewohner einzugehen. Entnervte, Gelangweilte, Ungeduldige oder Unselbstständige haben in diesem Berufsfeld nichts verloren. Hier ist Fingerspitzengefühl gefragt! Denn nicht jeder findet die Oma oder den Opa von nebenan süß, und würde freiwillig viel Zeit mit ihnen verbringen. Nur derjenige, der das wirklich gerne und mit voller Überzeugung macht, sollte in diesem Fachgebiet eine Stelle suchen. Bekanntlich ist derjenige dann nicht nur total unglücklich, nein, er ist auch überfordert und eben nicht mit jener innerer Überzeugung überflutet.

Zwar ist es so, dass all die Pfleger, die in Victor‘s Residenz beschäftigt sind, nach einiger Zeit den Blickwinkel auf das Sterben verändern, nämlich vom Negativen ins Positive, allerdings fällt es ihnen selbstverständlich trotzdem sehr schwer, in dem Zimmer im zweiten Stock, Zimmer 89, nicht mehr wie gewohnt die Dame mit dem wunderschönen Lächeln anzutreffen, wie sie es gestern noch taten. Nein, heute liegt dort plötzlich ein neuer Bewohner. Jetzt ist es nicht mehr die Dame mit dem wunderschönen Lächeln im zweiten Stock in Zimmer 89, jetzt heißt es der Herr mit der Augenklappe im zweiten Stock, in Zimmer 89. Wie komisch.

Trotz alledem kann dieser Beruf durchaus für junge Leute geeignet sein.

Klein anfangen

Schließlich fing Frau Behncke auch einmal klein an. Klein und vor allem jung. Durch ihre Tante kam sie an diesen Beruf, und sie sagt, dass sei „die beste Entscheidung“ ihres Lebens gewesen. Viele sind bei dem Gedanken an eine Pflegerin oder einen Pflege schnell bei dem „nur Arsch abwischen“-Vorurteil. Doch diese Voreingenommenheit ist unbegründet. Es weiß doch jeder, wie oft er auf die Toilette geht und wie viele Zeit zwischen dem einen und dem anderen Toilettengang ist. Wieso sollte das bei älteren Herrschaften denn anders sein? Und wenn der Beruf nur aus „Arsch abwischen“ bestünde, wäre das dann nicht viel zu leicht verdientes Geld? Und wäre dann nicht jeder dritte Pfleger?

Richtig! Und deswegen können wir dieses unnötige Vorurteil auch gleich wieder widerlegen und unsere Zeit lieber dazu nutzen, Menschen zu bewundern und zu wertschätzen, die einen solchen Beruf als ihre Bestimmung ansehen.

Café und Kuchen

Einige Antworten und geschossene Bilder später befinden wir uns in der großzügigen Halle, in der viel Platz für die Bewohner ist. Wir gehen an passend zur Jahreszeit herbstlichen Dekorationen vorbei. An einem alten Ehepaar, das gemeinsam Fische in einem Aquarium beobachtet und mit den Fingern auf der Glasscheibe herumtapst. An einem von einem Pfleger selbstgebauten Hasenkäfig, in dem von Bewohnern benannte Hasen hoppeln. An einem bildhübschen Klavier im Musikzimmer, auf dem steinalte Noten zu finden waren. An einem Kaminzimmer, in dem Bewohner und Angehörige ihre Zeit zusammen verbringen können. An einem gemütlichen Café mit Kaffee und Kuchen. Ja wirklich! Das alles erfreut die Bewohner in Victor‘s Residenz.


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