„Mama, ich möchte zum Beauty-Doc! Zum Geburtstag wünsche ich mir eine Brust-OP!“ Ein amerikanischer Teenie-Film mit US-Schauspielerin Hilary Duff in der Hauptrolle?
Nicht ganz, denn der Trend zum Schönheitswahn ist besonders unter Jugendlichen ausgeprägter als je zuvor, so dass derartige Aussagen bald zum ganz normalen Familienalltag gehören könnten.

Neben Models, Schauspielern und Designern prägen auch Freunde, Zeitschriften und allgemein das unmittelbare Umfeld den Hang zur körperlichen Veränderung bis zur Perfektion bzw. bis zur Unkenntlichkeit. Die Modeindustrie fördert diese sozialen Zwänge: Wer nicht dünn und schön ist, wird oft ausgeschlossen und als gesellschaftlich wertlos betrachtet. Vor allem der Schlankheitsaspekt ist allgegenwärtig. So wurde kürzlich das Model Filippa Hamilton von Designer Ralph Lauren entlassen, weil sie angeblich zu dick für die Branche sei, obwohl sie laut „Body-Maß-Index“ (BMI) sogar als untergewichtig gilt: Die 23-Jährige wiegt bei einer Größe von 1,74m nur 54 Kilo.
Die Industrie zieht ihren Nutzen aus diesen Zwängen, denn es ist einfach, Menschen ohne Selbstbewusstsein, die sich nahtlos in die Reihe der Schönen und Reichen integrieren wollen, ein Produkt zu verkaufen, das sie ihrem Ideal angeblich näher bringt. Diese Rechnung geht auf, denn wer möchte nicht gerne perfekt sein? Der Verlust der eigenen Individualität und Selbstbestimmung wird für dieses Ziel billigend in Kauf genommen.

Schönheitswahn_2

Anstatt auf seine Einzigartigkeit zu pochen, versuchen die meisten, ihren Idolen mit den Maßen 90-60-90 möglichst nahe zu sein und merken dabei oft gar nicht, dass sie sich selbst verleugnen, sich selbst geradezu verlieren. Sie entgleiten in eine Welt, in der Unnatürlichkeit regiert und das tägliche Leben ins Plastische abdriftet, wie schon die Musikband „Welle: Erdball“ in ihrem Lied „Ich bin aus Plastik“ treffend kritisiert.

Der Schönheitswahn verleitet uns dazu, unzufrieden zu sein und es anderen immer wieder Recht machen zu wollen. „Ich bin aus Plastik nur für dich“, trällert die Band aus den Boxen und trifft den Nagel damit auf den Kopf.
Das Schönheitsideal hat sich in der Geschichte immer wieder grundlegend geändert. So galt eine Frau mit üppiger Leibesfülle im 17. Jahrhundert, der Zeit der Renaissance als besonders attraktiv und schick, und auch Männer schminkten und puderten sich ausgiebig.
Mit der Zeit änderte sich dieses Bild der perfekten Menschen: Die Damen zwängten sich in Korsetts und bei den Männern galt eine übertriebene Körperpflege als unangebracht. Heutzutage gibt es verschiedene Ideale. Das am weitesten ausgeprägte ist das der Barbie-Puppe mit dem langen Hals, den unendlichen Beinen, gesunden blonden Haaren, getoastet aussehender Haut, großen Augen und vollen Lippen, das sich viele zum Vorbild nehmen. Darum wird gehungert und geschminkt, bis die Masse an Make-up die des Gehirnes übertroffen hat. „Ich bin aus Plastik Tag und Nacht, hab‘ meinen Körper umgebracht.“ Welle: Erdball, danke für diese Erkenntnis!

Auf der anderen Seite gibt es die unterschiedlichsten – größtenteils subkulturell geprägten – Schönheitsvorstellungen, die sich durch Piercingschmuck und Tätowierungen auszeichnen. Diese dürfen aber erst ab einem Alter von 18 Jahren und darunter mit Einverständniserklärung der Eltern gestochen werden.
Der Trend zum Durchlöchern des eigenen Körpers zeigt sich meist in Form von eher unauffälligen Bauchnabel-Piercings und Glitzersteinchen in der Nase sowie in Gestalt kleiner Sternchen an Fußknöchel oder Handgelenk. Von Medizinern verdammt, haben sich die ursprünglich aus der afrikanischen Kultur stammenden Metallringe und anderen Hautdekorationen bei uns durchgesetzt, obwohl es selbst im 21. Jahrhundert zu Schwierigkeiten am Arbeitsplatz oder den von Ärzten prophezeiten gesundheitlichen Problemen kommen kann. Vor allem bei Tätowierungen kann es zu Komplikationen bei der Entfernung kommen. Schließlich ist das der Standardspruch besorgter Eltern und Fachberater: „Und was tust du, wenn es dir nicht mehr gefällt?“
In solch einer Angelegenheit gibt es heute zumindest die Möglichkeit der Laserbestrahlung, anders als noch vor 20 Jahren. Eine derartige Behandlung verspricht Erfolg und entfernt das Motiv innerhalb weniger Sitzungen meist ohne Rückstände, dafür aber nicht ganz schmerzfrei.

Eine drastischere Variante des Schönheitswahns zeigt sich in der plastischen Chirurgie, deren Ziel es ist, aus rein ästhetischen Gründen, Körperteile dem Ideal anzugleichen.

„Ich lass mich dann mal eben liften…“

Nasenverkleinerungen, Brustvergrößerungen und Fettabsaugungen sind an der Tagesordnung. In der „höheren Gesellschaft“ wird Haut gestrafft, Botox gespritzt und nach Gutdünken Silikon implantiert. Obwohl solche kommerziellen Operationen zunächst von der breiten Masse abgelehnt wurden und nur unter Prominenten und Reichen üblich waren, finden sie immer mehr Akzeptanz und Anklang in allen Schichten der Bevölkerung. Es ist sogar üblich geworden, dass die Krankenkassen einen operativen Eingriff bezahlen, wenn erklärt wird, man leide unter psychischen Beeinträchtigungen wie zum Beispiel Minderwertigkeitskomplexen. Fraglich ist nur, wie man unter diesen Umständen die Ausgaben der ohnehin schon klammen Krankenkassen unter Kontrolle behalten will. Schließlich hat sich die Masse der Gesellschaft nun einmal der Beauty-Herrschaft unterworfen. Ist es da nicht geradezu vorprogrammiert, dass die Zahl der „psychisch Gestörten“ explodiert?

Schönheitswahn_1

„Black or White“?

Auch wenn man sich zu einer Operation entschließt, ist der Erfolg keineswegs vorprogrammiert. Immer wieder liest man von Horrorszenarien, in denen die Patienten hinterher kaum mehr wiederzuerkennen waren, geschweige denn als menschliche Wesen identifiziert werden konnten, und eher Ähnlichkeit mit aufgeplusterten Puppen hatten. Das bekannteste Beispiel für so eine extreme Veränderung des gesamten Wesens, ja sogar der Hautfarbe, ist wohl der kürzlich verstorbene Musiker Michael Jackson († 50). Der prominente Sänger legte sich nach eigenen Angaben nur zweimal unters Messer, und erklärte, seine Hautveränderung sei nicht auf eine kosmetische Behandlung, sondern auf eine Krankheit zurückzuführen. Das Geheimnis um diese mysteriöse Hauterkrankung hat er mit ins Grab genommen.

Ein ganz anderes Beispiel für die fortschreitende Vergegenwärtigung vom Streben nach ästhetischer Perfektionierung des eigenen Körpers ist der aktuelle Trend zur vollkommenen Haarentfernung. Die moderne Frau sieht es mittlerweile meist als selbstverständlich an, alle Gliedmaßen haarfrei und glatt zu präsentieren. Auch die empfindlichsten Bereiche werden nicht mehr übergangen, sondern schonungslos der Malträtierung per Epilator, Rasierer oder Wachs unterzogen. Diese Idee griff zwar schon früher um sich, zum Beispiel in der Antike, jedoch ist es das erste Mal, dass der Mann mit solch einer Mode geht und sich ebenfalls nicht mehr nur im Gesicht, sondern praktisch überall enthaart.
Er hat allerdings immer noch die freie Entscheidung, da dieser Trend sich noch nicht so stark etabliert hat wie beim weiblichen Geschlecht.
Vor allem so genannte „Waxing Studios“ erobern derzeit unsere Einkaufstraßen. Dort wird von Schamhaarfrisuren bis zum Hollywoodcut, der gänzlichen Entfernung aller Haare, alles geboten. Obwohl diese Tendenz noch oft auf Angst bezüglich der zu erwartenden Schmerzen oder Peinlichkeit stößt, nimmt unsere Gesellschaft sie offen an, wodurch der Zwang zur Teilnahme manifestiert wird.

Der Körper wird ein Kunstobjekt, und wir unterliegen bald dem Drang zur illusionistischen Optimierung und dem Eingriff in die natürlichen Gegebenheiten. Schminke, Tattoos, Piercings, oder Schönheitsoperationen – es gibt heute in Bezug auf Körperkult keine sozialen Tabus mehr und gerade für Jugendliche ist fast alles möglich geworden.
Für sie existiert nur noch die elterliche Barriere, bevor sie sich der Welt der Leibästhetik vollends öffnen und widmen können. Selbst diese kann jedoch mit einer gefälschten Einverständniserklärung durchbrochen werden.
Obwohl wir in der Gestaltung unseres Körpers eigentlich die freie Wahl haben, werden wir doch nur zu häufig zum Mitmachen gezwungen. Es ist nun einmal so, dass die Selbstverstümmelung und plastische Veränderung seiner selbst zur Normalität geworden ist.

„Dabei sein ist alles!“

Natürlich sind so drastische Maßnahmen wie Operationen bei deutschen Jugendlichen noch kein großes Thema, aber schon die kleinen Eingriffe bestimmen auf ihre Weise das soziale Leben an unseren Schulen: Wer sich dem Trend nicht unterwirft und im Modestrom mitschwimmt, verschafft sich ein uncooles Image, wird manchmal sogar gemobbt. Ist es da ein Wunder, dass die Teenager sich den Verboten und Wünschen ihrer Eltern widersetzen? Konsequenzen aus elterlichen Verboten ziehen nur die Wenigsten. Nach dem Motto „mein Körper – meine Wahl“ laufen viele Jugendliche trotzig ins nächste Studio – welcher Art auch immer es sein mag – oder kommen sogar auf die Idee, sich selbst mit nicht desinfizierten Nadeln und Amateurkenntnissen Piercings anzufertigen. Dass die Erziehungsberechtigten in diesem Fall einen professionellen Eingriff doch bevorzugt hätten, ist eine logische aber zu späte Erkenntnis.
Immerhin erlauben inzwischen die meisten, dass ihre Schützlinge sich die Haare nach Belieben färben, um sich möglichst wohl in der eigenen Haut zu fühlen. Da der normale Mensch in den Haaren allerdings keine Nerven hat, ist nicht erklärbar, inwieweit eine neue Haarfarbe zur Besserung des Befindens beiträgt. Dass die frühen Homo sapiens auch ohne chemische Behandlungen der Haarstruktur und ohne perfekte Nase überleben konnten, ist im Denken vieler kaum noch vorstellbar. Anstelle von Blut scheint heutzutage Botox durch die Adern zu fließen.
Und so greift der Schönheitswahn um sich; es bleibt jedem selbst überlassen, wie er ihm begegnet. Ob er der ironischen Aufforderung von Welle: Erdball „Stirb mit mir meinen Plastiktod!“ standhält oder sich in ein kommerziell rentables Produkt verwandeln lässt.


Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen