Die hannoversche Autorin Susanne Mischke im Interview mit dem Spargel, über die Vorzüge ihrer Krimistadt Hannover, selbstgedrehte Zigaretten und den unangefochtenen Meister des Horrors

 

Auch Hannover hat Einiges zu bieten!
Wer sagt, dass gute Krimis immer nur in Berlin, Hamburg oder im beschaulichen Allgäu spielen müssen? Auch hier gibt es eine wachsende Sparte der Kriminalliteratur, angeführt von der Autorin Susanne Mischke, die unter anderem mit den Jugendthrillern des Arena-Verlages, beispielsweise Waldesruh und Nixenjagd, auch überregionale Bekanntheit erreicht.

Susanne Mischke wurde im Allgäu geboren und zog später nach Berlin, wo sie ihren ersten Roman „Stadtluft“, eine Satire schrieb, der sofort vom Piper-Verlag in das Programm genommen wurde. Von da an arbeitete sie als freie Schriftstellerin. Sie erhielt den Georg-Christoph-Lichtenberg-Preis für Literatur und die „Agathe“, den Frauenkrimipreis der Stadt Wiesbaden. Seit 2002 lebt sie in Hannover. Hier spielt auch ihre Krimireihe rund um den Kommissar Völxen. Im April erschien ihr All-Age-Thriller „Röslein stach“.
Der SPARGEL traf sich mit der Autorin an einem schönen Sommertag im Café Cortado in Ricklingen auf eine Fritz Cola.

Mögen Sie Spargel?

Ja, aber nur den grünen. Auf italienische Art.

Was ist ihr persönliches Lieblingsbuch?

Das lässt sich nicht so genau sagen. Auf jeden Fall aber alle Bücher von T.C. Boyle.

Lesen Sie gerne andere Krimis?

Ich lese gar nicht so viele Krimis. Höchstens mal, um eine bestimmte Stimmung einzufangen. Aber das können auch andere Bücher als Krimis sein.
Im Moment lese ich, um mich einzustimmen, Stephen King. Der ist für mich nach wie vor der Meister des Horrors. Da ist noch gar nicht viel passiert und trotzdem weiß man, dass gleich etwas Schlimmes geschehen wird, und zwar nicht, weil Stephen King drauf steht, sondern man spürt das, zwischen den Zeilen. Das kann er so unheimlich gut.

Haben Sie, bevor Sie ihr erstes Buch verfassten, an Schreib-Workshops oder Ähnlichem teilgenommen?

Nein, das habe ich nicht. Die Lust und das Talent zum Schreiben kamen von selbst. Aber ich habe viel gelesen. Als Kind habe ich keine Texte geschrieben, aber wenn wir in der Schule Aufsätze schreiben mussten, habe ich gemerkt, dass mir das liegt.

Wie lange brauchen Sie, um ein Manuskript für ein Buch fertigzustellen?

Das ist sehr unterschiedlich. Durchschnittlich so zwischen vier und neun Monate. Die Jugendbücher sind meistens schneller fertig. Es gab Erwachsenenthriller, an denen ich schon so ein Jahr oder länger gesessen habe. Ich versuche jeden Tag zu schreiben. Manchmal sind das fünf oder sechs Stunden am Tag, manchmal nur eine. Aber ab und zu gönne ich mir auch einen freien Tag.

Warum haben Sie ihr Genre von Satiren zu Psycho-/Jugendkrimi gewechselt?

Das kam durch mein drittes Buch, „Mordskind“. Das ist eine Geschichte, die man nur als Psychothriller oder Krimi erzählen kann. Damit bin ich beim Krimi hängen geblieben, weil es auch großen Spaß gemacht hat.

Denken Sie manchmal, dass Krimis für die jüngeren Leser zu gruselig sind?

Ich habe da nicht so große Bedenken. Ich muss natürlich schon aufpassen, dass es nicht zu heftig wird. Aber meine Lektorin kürzt notfalls auch etwas raus. Das ist in den letzten Jahren leider viel mehr geworden. Am Anfang hatte ich in dieser Beziehung mehr Freiheit. Bei „Röslein stach“ gab es auch einen „Direktor´s Cut“. Ich hatte eine noch ausgeprägtere Täter-Perspektive und auch ein paar sehr perverse Gedankengänge des Täters geschildert, die leider der Zensur zum Opfer fielen.

Noch vor wenigen Jahren war Hannover als Schauplatz für Kriminalgeschichten quasi undenkbar. Was hat Sie bewegt, die meisten ihrer Geschichten hier spielen zu lassen?

Zum einen, weil ich hier wohne. Es ist dann einfacher, Authentizität herzustellen, als wenn man die Geschichte irgendwo weiter weg spielen lässt. Natürlich hat auch das seinen Reiz und deshalb spielt mein nächster Erwachsenenkrimi in Schweden.
Zum anderen ist Hannover eine Stadt, die sich als Schauplatz gut eignet. Hier gibt es alles, was eine Großstadt bieten kann, an guten, wie an schlechten Dingen, und dazu kommt, dass das Ländliche hier auch nicht weit weg ist, sodass man aus vielen Gegensätzen schöpfen kann. Hier gibt es diese richtig steifen Typen, wie man sich halt so einen aus Norddeutschland vorstellt, und gleichzeitig die alternative Szene in Linden. Hannover hat viele Facetten und die kann man auch immer wieder in verschiedenen Szenen schildern. Das macht den Roman abwechslungsreicher. Es ist ein Unterschied, ob ich einen Krimi in Waldhausen oder in Vahrenwald spielen lasse.

Sie werden oft dafür gelobt, dass sie die Personen und Gefühle sehr facettenreich darstellen können. Haben Sie dafür spezielle Tricks oder kommt das spontan?


Nicht WIE oder WAS, sondern WER

Ich beschäftige mich intensiv mit den Charakteren. Ich schreibe auch für jede Figur eine Rollenbiografie, die ich versuche, in die Geschichte einzubinden. Eigentlich sind für mich, auch wenn ich Bücher lese, die Figuren das Wichtigste. Die Autoren können ja das Rad nicht neu erfinden und eigentlich sind sich viele Storys ähnlich. Doch grade dann ist es wichtig, wem es passiert. Nicht das WIE oder das WAS, sondern das WER ist für mich von Bedeutung. Die Handlung wird von den Figuren getragen. Daraus ergeben sich dann spannende Handlungen, die man am Anfang oft noch gar nicht absehen konnte. Ich merke es, wenn die Figuren passen. Dann passieren interessante Dinge. Ich habe keine Lebenden Vorbilder, ich konstruiere die Personen. Das Problem daran ist, das man aufpassen muss, dass man sich nicht selbst kopiert. Die Gefahr besteht, dass man bestimmte Charaktere besonders toll findet und diese dann immer wieder in verschiedenen Facetten einbringt. Wenn ich monatelang an einem Buch schreibe, will ich es ja auch mit Leuten zu tun haben, die ich gut leiden kann. Dehalb haben die Figuren teilweise ähnliche Charaktereigenschaften. Ein Beispiel: Wenn ich Leute habe, die rauchen, rauchen sie nur Selbstgedrehte, weil ich Fertigzigaretten selbst einfach widerlich finde. Rauchen ist ja an sich schon nicht gut, aber dann noch eine eklige Marlboro? Das geht gar nicht. Wenn, dann was Richtiges!

Wo beschaffen Sie sich denn Informationen?

Manchmal von der Polizei. Zu Beginn meiner Hannover-Krimiserie habe ich mich dort gründlich umgesehen. Ich habe immer noch gute Drähte dorthin, auch zum LKA. Wenn ich eine Fachfrage habe, dann wird die meist auch prompt und ausführlich beantwortet. Einmal bin ich nachts bei beim KDD (Kriminaldauerdienst) mitgefahren. Man ahnt gar nicht, was nachts in der Stadt so los ist. Unglaublich.

Wie kamen Sie zu der Idee für „Röslein stach“?

Ich habe einmal eine Villa am Lindener Berg besichtig. Das Haus war herunter gekommen und gruselig, ähnlich wie im Buch auch beschrieben. Und ich habe mich gefragt: Wer würde da wohnen? Da würde ja keine normale Familie einziehen, schon wegen des Krachs vom Westschnellweg. Da konnte eigentlich nur eine Studenten- WG einziehen. Dazu kommt, dass ich den Lindener Friedhof unheimlich schön finde. Oder schön unheimlich, wie man es betrachtet. Das im Buch beschriebene Tunnelsystem unter der Stadt gibt es wirklich, ich habe sogar mal eine Führung mitgemacht. So kam eins zum anderen, dadurch war das Setting des Romans schon vorgegeben.

Was ist für Sie das Besondere an diesem Buch?

Für mich ist dieses All-Age-Genre recht interessant, also ein Thriller für Jugendliche und Erwachsene. Weil das etwas Neues ist. Die meisten Jugendkrimis haben ohnehin viel mit Erwachsenenkrimis gemeinsam, und das ergänzt sich sehr gut. „Röslein stach“ ist im Vergleich zu meinen anderen Jugendkrimis ziemlich dick. Ich habe mehr Handlungsstränge eingebaut und die wechselnden Erzähler-Perspektiven fand ich sehr reizvoll.

Haben Sie momentan neue Bücher oder Projekte in Planung?

Wieder ein All- Age- Thriller, der dieses Mal im Winter spielt, im Schnee. Ich habe dieses Mal ein geschlossenes Setting genommen: eine eingeschneite Hütte in Bergen, keiner kommt raus und einer ist der Mörder. Das wird ein Klassiker. Also so eine Art „Agatha Christie“-Thriller. Aber es ist schon komisch, im Hochsommer einen Winter-Krimi zu schreiben.

Was würden Sie davon halten, wenn man ihre Bücher verfilmen würde?

Es sind schon zwei meiner Bücher verfilmt wurden, aber die Verfilmung war beide Male unglaublich schlecht. Die haben sogar das Genre gewechselt. Bei „Die Eisheilige“ haben sie aus einem schwarzhumorigen Krimi ein seichtes Komödchen gemacht. Das war ganz fürchterlich. Insofern stehe ich Verfilmungen skeptisch gegenüber. Wenn man die Rechte für den Film abgegeben hat, hat man keinen Einfluss mehr darauf.

Würden Sie jungen Menschen auch raten Bücher oder Kurzgeschichten zu schreiben und sie eventuell auch drucken zu lassen?

Wenn es ihnen Spaß macht. Aber man sollte sich nicht einbilden, dass man mit 13 oder 14 Jahren schon einen Bestseller landen kann. In dem Alter kann man noch keinen guten Krimi schreiben, dazu fehlt einfach die Erfahrung. Aber es schadet ja nicht zu üben. Kurzgeschichten, irgendwas. Einfach schreiben, schreiben, schreiben. (Aber es soll bitte keiner auf die Idee kommen, das Geschriebene mir zur Ansicht zu schicken. Solche Fragen erreichen mich immer wieder, nicht nur von Jugendlichen. Das muss ich strikt ablehnen, dafür fehlt mir einfach die Zeit.)

Spargelfrage: Erzählen Sie uns spontan ein Erlebnis aus ihrer Kindheit?

Als ich mit meiner Mutter an einem See beim Baden war, wurde plötzlich ein Junge vermisst und später dann tot aus dem See geborgen. Dieses Kind ist wahrscheinlich nur wenige Meter von uns entfernt gestorben, ohne dass wir etwas geahnt hätten. Das hat mich sehr lange beschäftigt.
Außerdem waren da noch diese furchtbar peinlichen Momente, wenn im Unterricht meine Aufsätze vorgelesen wurden.


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