„Ist unser Bildungssystem veraltet? Brauchen wir heutzutage überhaupt noch Schule? Oder, genauer gesagt: Ist das tägliche, frühe Aufstehen und sich-auf-den-Weg machen, um neues zu lernen, wirklich sinnvoll?“ Jeder geplagte Schüler antwortet auf diese Frage sofort spontan: „Nein, natürlich nicht, weg damit, Schule ist doch doof!“
Diese Antwort wird von den Erwachsenen oftmals nur belächelt und mit „Ja ja, die Jugend von heute!“ abgetan, denn natürlich muss man zur Schule gehen, und natürlich lernt man dort ausschließlich lebenswichtige Inhalte, und natürlich ist unser Lehrplan auch nicht veraltet. DER SPARGEL widmet diese Ausgabe diesem weit verbreiteten Mythos und versucht herauszufinden, wie es um die Aktualität und den Sinn unseres niedersächsischen Bildungssystem steht.

„Der in der Schule übliche Einstieg ist dazu angetan, das Hirn eines jungen Menschen in Stein zu verwandeln“, sagt der US-amerikanische Physiker und Autor Leonard Mlodinow und erfasst damit, womit er bei vielen Schülern auf Zustimmung stößt: Jeder Schüler kennt das Gefühl kompletter Überforderung, einerseits angesichts ewiglanger Unterrichtseinheiten sodass man teilweise erst um halb sechs zu Hause ist; andererseits ausgelöst durch unheimlich hohe Erwartungen, die kaum ein Lehrling ohne Anstrengung erfüllen kann. Die Frage ist nur, ob es eine Möglichkeit gibt, die Lehrpläne neu aufzubauen und unserer veränderten Gesellschaft anzupassen.
Wir befinden uns in einer Zeit des Wandels: Alte Berufe wie Schmiede, Buchbinder oder Lokführer sterben nach und nach aus, neue wie System-Elektroniker, IT-Fachmann oder Energieberater (Ökotrophologe) entstehen oder sind bereits entstanden. Im Hinblick auf den somit veränderten Wissensbedarf von uns Schülern gilt die Devise „Weniger ist mehr“; die Schule soll uns einen möglichst tiefen Eindruck über viele verschiedene Themen oder Bereiche verschaffen.

Nehmen wir beispielsweise das Fach Deutsch: Ist es wirklich nötig Werke wie Effi Briest, Wilhelm Tell oder Faust zu lesen, zu analysieren und zu interpretieren? Brauchen wir seitenlange Charakterisierungen der Protagonisten, Szenenanalysen oder Konfliktauswertungen? Wäre es nicht sinnvoller, sich moderne Literatur zu Gemüte zu führen, die alten Schinken mal im Schrank zu lassen und stattdessen etwas Neueres wie Stephenie Meyers Bestseller „Twilight“ oder Thilo Sarazzins provokantes Buch „Deutschland schafft sich ab“ zu lesen? Über diese These lässt sich natürlich streiten, denn ohne Frage schrieben Goethe, Lessing & Co. Weltliteratur mit Kultstatus, die natürlich nicht in Vergessenheit geraten darf. Dennoch könnte eine Kombination alter und neuer Klassiker die Schüler erfreuen und vielleicht auch ein bisschen mehr Spaß am Lernen bereiten.
Aber nicht nur Deutsch, sondern sprachliche Fächer im Allgemeinen könnten einen neuen Farbanstrich dringendst gebrauchen! Jeder geplagte Lateinschüler fragt sich, wozu diese ganze Vokabel- und Grammatikpaukerei überhaupt gut ist und warum er verdammt nochmal eine tote Sprache lernen muss, die man heute nur noch in fachspezifischen Bereichen gebrauchen kann. Im Gegensatz dazu wäre es doch viel empfehlenswerter sich eine Sprache anzueignen, die in Deutschland nicht unbedingt sehr verbreitet ist, einen aber in verschiedenen Fachbereichen sehr weit bringen kann. Beispielsweise Chinesisch: Da die Wirtschaft Deutschlands immer mehr mit der von China zusammenhängt, werden Experten im Gebiet von fernöstlicher Kultur mehr denn je gebraucht. So besteht nach der Schule und erfolgreichem Erlernen der Sprache eine große Chance auf einen guten Job mit hohem Honorar.

Ein weiteres großes Übel ist besonders für Schüler ab Klasse neun aufwärts der Mathematikunterricht. Viele sehen im Rechnen mit Buchstaben à la Variablen, Kurvendiskussionen und dem Aufstellen von Funktionsgleichungen und deren Ableitungen zur Beschreibung von verschiedenen Prozessen keine Hilfe für ihre persönliche Zukunft und den späteren Lebensweg. Natürlich zweifelt niemand das mathematische Grundwissen an und auch wir möchten nicht über den Zweck von Dreisatz, Bruchrechnung oder den Satz des Pythagoras diskutieren, geschweige denn das damit verbundene Wissen in Frage stellen. Dennoch sind wir der Meinung, dass die Wahrscheinlichkeit, in seinem Leben noch einmal diesem realitätsfernen Kram zu begegnen, verschwindend gering ist. Eine mögliche Lösung befindet sich in dem Anbieten von Kursen mit unterschiedlichen Schwerpunkten: Einerseits das Wiederholen und Ausbauen von bereits Erlerntem, andererseits das nicht offensichtliche und zuweilen höchst komplizierte Mathematikexpertenwissen jenseits unseres Horizontes. Wie das in die Realität umzusetzen ist, sei an dieser Stelle anderen überlassen.

Die nächste Idee des SPARGEL-Kultusministeriums betrifft die Auswahl und Vielfalt der einzelnen Schulfächer. Warum nicht mal etwas Neues ausprobieren und originell-kreativen Fächer die Chance geben, sich gegen Altbewährte durchzusetzen.
„Philosophie statt Biologie; Ethik statt Mathematik; Ernährung statt Sportleistung“, wäre das nicht eine Überlegung wert? Eine solche oder ähnliche Umstrukturierung des Lernplans könnte der Gesellschaft helfen, eine neue Vorstellung für richtig und falsch zu entwickeln und die Schülerschaft positiv zu beeinflussen. Das Moralbewusstsein unserer Generation befindet sich auf einem historischen Tiefpunkt, der Anteil an Jugendkriminalität stieg von einem Jahr auf das Nächste um dramatische 4,9 % an. Somit ist es für unsere Schüler von bedeutender Wichtigkeit, ein Wertegefühl zu entwickeln und dieses auch in der Schule zu fördern. Dies kann jedoch nur gelingen, indem neue Fächer eben diese Entwicklung begünstigen.
Doch beim Aussortieren von „altmodischen“ Fächern müssen wir aufpassen: Nicht jedes Fach, das unnütz erscheint, ist es auch wirklich! Schließlich vermitteln die weiterführenden Schulen und speziell die Gymnasien Allgemeinbildung und einen möglichst tiefen Einblick in spezifische Bereiche des Lebens, um die Jugend von heute auf das Studium vorzubereiten. Wahrscheinlich wäre kein zukünftiger Mathematik-Student erfreut, wenn er Vieles, was er in der Schule hätte lernen müssen, während des Studiums nachholen muss, nur weil andere Schüler im Unterricht nicht mitkommen, der Stoff ständig wiederholt werden muss und deswegen das Fach fast komplett abgeschafft beziehungsweise stark vereinfacht wird. Selbstverständlich würde jeder gerne sein persönliches Lieblingsfach viel weiter ausführen und vertiefen als alle anderen Fächer, aber bei Jahrgangsgrößen von mehr als 100 Schülern kann sich der Lehrplan nicht jedem anpassen, sondern eben nur Überblicke in jeden Bereich des Lebens verschaffen.

Eine weitere Überlegung wäre das Einführen von praktischen Tätigkeiten, wie Tischlern, Hauswirtschaft oder Ernährungswissenschaften. Letzteres wäre für unsere Jugend durchaus nötig: Laut Robert-Koch-Institut sind 8,5% aller Jugendlichen bis 17 Jahre übergewichtig, weitere 6,5% sogar krankhaft adipös. Ist es nicht langsam an der Zeit, dies zu ändern? Wenn Kinder zu Hause nicht mehr beigebracht bekommen, sich vernünftig zu ernähren und stattdessen sämtliche Fressattacken durchleben müssen, birgt dies hohe Kosten für unser Gesundheitssystem: Übergewichtige Jugendliche werden ihre überschüssigen Pfunde oft nie wieder los und haben dann schon in jungen Jahren mit Knie-, Rücken- oder Gelenkproblemen zu kämpfen.
Das könnte vermieden werden, indem den Kindern von der Schule bewusste Ernährung, der richtige Umgang mit Lebensmitteln und die Bedeutung von Fett, Kohlenhydraten, Proteinen und Kalorien mit auf den Weg gegeben wird. Durch gemeinsame, gesunde Kochaktionen können wichtige Tipps und Rezepte ausgetauscht und beigebracht werden, sodass auch zu Hause gewissenhaft gekocht werden kann. Außerdem entwickeln die Schüler somit ein Bewusstsein für leckeres, reichhaltiges und nahrhaftes Essen, welches in unserer Generation weitestgehend verloren gegangen und dennoch von enormer Wichtigkeit ist.

Ähnlich wichtig wäre ein Lehrgang für handwerkliche Fähigkeiten, sodass die Jugend von heute auch in der Lage ist, selbst einen Nagel in die Wand zu hauen oder ein Regal von IKEA zusammenzubauen, ohne gleich nach Papa schreien zu müssen. Zwar liegt die Verantwortung und Pflicht, die Kinder zu erziehen, nicht in der Hand der Schule und ist dementsprechend auch nicht ihre Aufgabe; allerdings würden solche Unterrichtseinheiten die Schüler motivieren, auch daheim im Haushalt mit anzupacken, ihren Eltern unter die Arme zu greifen und somit eine entspannte Lernatmosphäre in den eigenen vier Wänden zu schaffen – und das hätte gleichzeitig einen positiven Effekt auf die schulische Leistung und die familiäre Situation.
Apropos Erziehung: „Eine einzige offenkundige Lüge des Lehrers gegen seinen Zögling kann den ganzen Ertrag der Erziehung zunichte machen.“, sagte bereits vor gut 250 Jahren der Philosoph und Schriftsteller Jean-Jacques Rousseau. Mit diesem Satz beschreibt Rousseau den großen Einfluss, den Lehrer auf Schüler haben. Doch ist es in unserer Zeit immer noch so, dass die Lehrer, sobald sie auch nur irgendeinen minimalen Fehler machen, gleich die Bildung zerstören? – Wahrscheinlich nicht. Nichtsdestotrotz trifft man immer weniger kompetente Pädagogen, die einerseits den Unterrichtsstoff gut vermitteln und andererseits für die Schüler eine Vertrauensperson darstellen, welche sie respektieren und gern haben können. Denn jeder weiß: In einem harmonischen Umfeld macht das Lernen gleich viel mehr Spaß. Viele wissensdurstige junge Menschen sehen vorschnell einen dubiosen Zusammenhang zwischen der Coolness der Lehrkraft und ihrem Alter. Auch wir als Schüler kennen diese Vorurteile, die sich ebenfalls am EKG verbreiten, müssen diese jedoch widerlegen. Betrachten wir zum Beispiel den jungen, dynamischen Deutsch- und Geschichtslehrer Thomas Göhmann: Er begeistert die Schülerschaft mit seinem Auftreten gleichermaßen wie die erfahrenere, sympathische Lehrkraft Birgit Battmer-Holz mit ihrer riesigen Schatzkiste an Wissen – Alter Schwede!

In den letzten Jahren wurde an deutschen Schulen der Ruf nach kompetenzorientiertem Unterricht laut. Generell versteht man unter diesem Begriff, dass Lernen kein Wissenstransport, sondern ein aktiver, konstruktiver, an Arbeitssituationen gebundener und sozialer Prozess ist, der sowohl den Einsatz des Lernenden als auch die Unterstützung durch den Lehrenden bedarf. Hier drin unterscheidet sich kompetenzorientierter von traditionellen Unterricht, der nur darauf fixiert ist, bekanntes Wissen in kleinen einzelnen Portionen an die Schüler weiterzureichen, ohne auf die Anwendung des Wissens tiefer einzugehen. Dadurch fehlen bei immer mehr jungen Arbeitssuchenden die Fähigkeit, unbekannte Aufgaben und Probleme kompetent zu lösen. Doch bringt kompetenzorientiertes Lernen die deutsche Bildungskultur voran? Vermutlich ja: Bei Lernprozessen geht es weniger um das WISSEN, als um das VERSTEHEN, stures Auswendiglernen oder nur generelle Beweise, die hinterher niemand anwenden kann, bringt keinem etwas. Doch wenn man einmal etwas wirklich verstanden hat, dann bleibt es für immer im Langzeitgedächtnis, sodass man noch später seinen eigenen Kindern helfen kann, in dem man darauf zurückgreift und auch im Alltag Probleme lösen kann, die von ähnlicher Art wie bereits bekannte Aufgaben sind.

Zurück zum Thema: Nicht nur die Bildung an sich, sondern auch die Vermittlung derselben durch Lehrbücher und Material hat an Aktualität verloren: Längst haben Whiteboards, Computer und Beamerprojektionen die Schulwelt erobert und Tafel und Overheadprojektor nach langem Dienst abgelöst. Bereits in der letzten Ausgabe des „SPARGELs“ haben wir beim Blick in die Zukunft den Trend zu Tablet-PCs für jeden Schüler, Online-Arbeitsblätter, Tafelbilder per Email und Filesharing via Dropbox gesehen und viele Experten fragen sich, ob diese „Spielzeuge“ eher nur die Verdummung der Jugend unterstützen. Diese „Verdummung“, beispielsweise durch SMS-Abkürzungen oder Chatting-Begriffe in den Medien personifiziert, wird auch in dem „HDL-Song“ von dem Singer-Songwriter Jasper angeklagt. „Oder vielmehr deine Sprache, oder was du Sprache nennst,
denn ich frag mich, bitte lach‘ nicht, ob du auch ganze Sätze kennst!“, singt er und prangert damit die Zustände der heutigen Generation an. Ob wir als Schüler heute wirklich „dümmer“ sind als die Generation unserer Großeltern und ob das an den modernen Hilfsmittel liegt, die uns beim Lernen weiterhelfen sollen, bleibt weiterhin fraglich.
Denn auf der einen Seite helfen diese Lehrmittel den Unterricht voranzubringen, indem die Schüler dem Lehrer zuhören und ihnen ihre ganze Konzentration widmen können, anstatt mit dem Tafelabschrieb beschäftigt zu sein.
Die Ausrede „Ich habe mein Buch in der Schule vergessen, und konnte deswegen meine Hausaufgaben nicht machen“ würde nicht länger gelten, denn Bücher gäbe es nicht mehr und jedem bestünde die Möglichkeit, über das weltweite Netz an seine Aufgaben zu gelangen.
Auf der anderen Seite könnte diese Vernetzung auch schnell missbraucht werden: Gemachte Hausaufgaben könnten in Windeseile hochgeladen, verbreitet und somit für jeden zugänglich gemacht werden.
Die Schüler müssten nicht mehr zehn Minuten vor Unterrichtsbeginn in der Schule erscheinen, um die Aufgaben vom nächstbesten Streber abzuschreiben, sondern könnten zehn Minuten länger geschlafen und stattdessen das „copy and paste“- Prinzip anwenden.

Fast täglich hört man in den Nachrichten oder liest in Zeitschriften zahlreiche Diskussionen über die Tauglichkeit der deutschen Bildung. Oftmals fällt dazu im Zusammenhang das Wort PISA-Studie, welches allen deutschen Lehrern ein Schauer über den Rücken laufen lässt. Der Wissensvergleich zwischen Schülern der einzelnen Länder zeigte Deutschlands Bildungslücken in den Bereichen Mathematik, Naturwissenschaften und Leseverständnis: Von 65 teilnehmenden Länder schnitt Deutschland zwar akzeptabel, aber nicht überdurchschnittlich ab, im Gegensatz dazu wurden die ersten fünf Plätze ausschließlich von asiatischen Ländern belegt- mit Ausnahme von Finnland.
„In Finnland lernt man anwendungs- und problemlösungsorientiert“, erzählt die Expertin Aila-Leena Matthies und verdeutlicht die positive Auswirkung von der fehlenden Benotung, wodurch kein Konkurrenzdruck unter den Klassenkameraden entsteht. Außerdem dauert die Grundschulzeit, also das gemeinsame Lernen in einer Klasse, neun Jahre, wodurch jeder Schüler gleiche Chancen hat. „Erst Kindergarten, dann Grundschule, dann wieder eine neue Schule, und wenn es nicht klappt, kann es bis zur Sonderschule abwärts gehen.“, sagt Ehrenhard Skiera, Professor für Schulpädagogik an der Universität Flensburg. Damit betont er einen der großen Unterschiede zwischen dem finnischen und deutschen Schulsystem: In Finnland bleiben den Schülern ständige Brüche in ihrer Bildungsbiografie erspart, wodurch das Umgewöhnen an eine neue Schule, neue Lehrer, eine neue Umgebung und neue Freunde ausbleibt und effektive Fortschritte durch eine angenehme Atmosphäre erfolgen.

Abschließend bleiben natürlich die bereits am Anfang erwähnten Fragen, wie es nun um unser Sorgenkind, das Bildungssystem, steht: Letztendlich kann eine kleine Schülerzeitung die Welt nur kritisieren, nicht verändern.
Unser Bildungssystem weist definitiv Defizite auf, vor allem in Bereichen wie anwendungsorientiertes Lernen, praxistaugliche Fächer oder multimediale Unterrichtsnutzung. Nichtsdestotrotz hat die deutsche Bildung einen gewissen altertümlichen Charme und hat ihren Charakter dennoch in den letzten Jahren stark verändert, sei es im Bereich der Lernmethoden, der Hilfsmittel oder der Einführung von Fächern wie Informatik. Dass es immer noch Tatsachen wie das Lesen von Klassikern oder Latein als Fremdsprache gibt, die sich seit Jahrzehnten nicht verändert haben, liegt wohl einfach daran dass wir sie irgendwo brauchen: Ob sich dieser Nutzen uns nun erschließt oder nicht, ist ein anderes Problem.


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