Stellt euch mal vor: Ihr seid gerade 18 geworden, habt den Führerschein nach vielen Stunden in der Tasche. Ihr seid unterwegs in eurem schicken neuen, von euren Eltern gesponserten, knallroten Cabrio. Plötzlich realisiert ihr, dass genau am heutigen Tag, an dem ihr sowieso schon so viel Unglück gehabt habt, Freitag der 13. ist. Im selben Moment läuft direkt rechts vor eurer Nase eine schwarze Katze über die Straße. Der erste Gedanke, der euch durch den Kopf schießt ist: „Das war‘s dann wohl, nach dem zerschmissenen Spiegel heute morgen jetzt auch noch dieses verdammte schwarze Vieh!“ Panik!

Sofort beginnt ihr zu lenken; ihr kurbelt wie wild am Lenkrad. Verzweifelt versucht ihr, euer Fahrzeug wieder in den Griff zu bekommen. Schlagartig wird euch klar, wie leicht ihr euch von diesem sogenannten Unglück beeinflussen lasst, dass ihr euer Leben aufs Spiel setzt, nur um der Katze auszuweichen. Andererseits, wie viel Macht ihr selber in diesem Moment ausübt, wie viel Kontrolle ihr über euer Cabrio, ja, über euer Leben habt. Ihr lenkt, ihr lasst euch lenken.

In dieser Ausgabe des SPARGELs werden wir uns mit allem was uns lenkt, von Geld, über Religion, bis zum Gruppenzwang durch den Freundeskreis, beschäftigen.

„Haste Kohle, haste Frauen“

„Geld kann Leben nicht kaufen.“ sagte  bereits Reggae-Ikone Bob Marley als seine letzte Nachricht auf dem Sterbebett,  in der Hoffnung, dass die Menschen endlich einmal darüber nachdenken, was Geld eigentlich mit ihnen macht. Denn Geld ist wohl die simpelste Beeinflussung des Menschen durch den Menschen. Täglich werden wir mit dieser Macht konfrontiert, Geld bedeutet Stärke, Luxus und Ansehen. „Haste Kohle, haste Autos, haste Frauen“ – dieses Zitat aus dem autobiografischen Animationsfilm „Dieter – der Film“ über Dieter Bohlen trifft die weitverbreitete Ansicht vieler Menschen wohl auf den Punkt. Doch warum lassen wir uns von einer großen Zahl auf einem Fetzen Papier lenken? Jeder Mensch braucht Geld. Jeder Mensch, der es nicht hat, ist klar im Nachteil. Wir sind so darauf fixiert, immer mehr Geld anhäufen zu wollen, dass wir darüber total vergessen, das ein Bruchteil dessen bereits für ein angenehmes Leben reichen würde. Doch die Menschheit, und das ist wohl mitunter das größte Problem, identifiziert sich nicht über das, was sie ist, sondern über das, was sie hat. Soll heißen: Ich hab ´nen Scheiß-Charakter, aber SCHAU HER! Ich hab ´ne fette 10.000€-Rolex am Handgelenk. Wer aufhört, sich von kommerziellen Werten und dem Preisschild auf seiner Prada-Tasche leiten zu lassen, findet zu sich selbst.

Die Macht der Rituale

Von klein auf werden wir von unserem Umfeld, den Menschen in unserer Umgebung und allem voran natürlich von unserer Erziehung geprägt. Unsere späteren Charakterzüge hängen oft davon ab, was unsere Eltern uns beibringen und wo wir aufwachsen. Ein Kind aus dem Berliner Problemgebiet Kreuzberg lernt andere Umgangsformen als eines aus einem reichen Villenviertel. „Wenn ich in Kreuzberg aufwachse, bin ich gewissen Sachen ausgeliefert, mit denen ich mich arrangieren muss. Man wird mit allen Sachen des Lebens konfrontiert, mit Gewalt, Drogen, Politik, Kreativität.“, so der türkischstämmige Regisseur Neco Celik in einem Interview mit der ZEIT. Er erklärt, dass es zwar bezirksabhängige Sitten und Bräuche gibt, diese sich jedoch nicht unbedingt negativ auswirken müssen, sondern einfach nur jedem Menschen zur Anpassung an die Gesellschaft verhelfen.

Apropos Sitten und Bräuche: Gibt es in deiner Familie nicht auch bestimmte Traditionen, die dich total nerven, und bei denen du dir schon lange fest vorgenommen hast, sie abzuschaffen wenn du erstmal alt genug bist? Das alljährliche Weihnachtsliedersingen, das spießige Silvester mit der Familie feiern zu müssen anstatt mit Freunden durch die Nacht zu feiern und die Stadt unsicher zu machen oder das sonntägliche Kaffeetrinken mit den Großeltern, obwohl du Kaffee nicht ausstehen kannst? In gewisser Weise prägen uns auch diese Gewohnheiten: Zwar hätten wir die Möglichkeit etwas dagegen zu sagen oder uns nicht beeinflussen zu lassen, doch dann kommt uns immer wieder bei dem Gedanken an unsere Familie, die dann sicher enttäuscht wäre, das schlechte Gewissen in die Quere. Somit bleiben die Traditionen und damit auch die Beeinflussung, es gibt kein Entkommen.

Genauso ist es auch mit der Religion: Wir werden quasi in sie „hineingeboren“. Unsere Eltern entscheiden für uns, welcher Religion wir vorerst angehören! Wir werden getauft, konfirmiert oder feiern Kommunion, ohne selbst einmal darüber nach gedacht zu haben, ob wir überhaupt an Gott glauben und uns geschweige denn mit dieser Religion identifizieren können. Christentum, Islam, Judentum, Buddhismus oder Hinduismus? Die Bandbreite von verschiedenen Religionen ist groß. Sobald wir also die für uns perfekte Religion gefunden haben, werden wir von IHR gelenkt und weniger von der Entscheidung unserer Eltern. Wir richten uns nach den Grundsätzen der Bibel, des Korans oder der Thora, befolgen die Lehren der Propheten. Andere lassen sich davon gar nicht beeinflussen und durchschreiten das Leben als Atheisten, ohne auf irgendwelche Grundsätze längst verstorbener Kerle zu hören. Bleiben tut die Frage, wie viel Beeinflussung durch die Kirche zulässig ist: Darf man das Verhütungsverbot des Papstes ernst nehmen? Was ist mit den wiederholten Missbrauchsfällen in katholischen Gemeinden, die keinesfalls vergessen werden dürfen? Darf man dieser Institution denn wirklich noch glauben oder sollte man es wirklich handhaben wie es ein SPIEGEL-Leser in einem Leserbrief darstellt: „Nichts gegen Gott, aber sein Bodenpersonal ist echt kacke.“

Was uns lenkt

Um noch einmal darauf einzugehen: Der SPIEGEL ist ein gutes Beispiel dafür, dass Medien uns lenken, beeinflussen und zu literarischen Werken bewegen. Wir lesen etwas, gehen davon aus, dass es die Wahrheit ist, da wir es ja gerade gelesen haben. Und fragt uns jemand, woher wir dies oder jenes wüssten, sagen wir nur: „Habe ich gelesen!“. Dass Zeitungen nicht unbedingt immer von der Wahrheit berichten, das können besonders wir als Redakteure beurteilen. Es kam nicht nur einmal vor, dass wir falsch recherchierten, sondern auch „irgendwo etwas gelesen hatten“ und dies in unseren Artikel einbrachten, ohne, dass wir uns zu hundert Prozent sicher waren, dass  dies der Wahrheit entsprach. Wenn so etwas dann aber bei überregionalen Tageszeitungen passiert, ist es nicht nur peinlich, sondern auch ziemlich verwirrend für die Leser, die sich nicht mehr sicher sein können, was sie glauben dürfen und was nicht. Weitergehend ist dann auch fragwürdig, wem man was glauben kann, wenn die Begründung für irgendwelche Fakten: „Das hab ich gelesen!“, lautet. So sagen schon „Die Ärzte“ in ihrem Lied „Lasse reden“, „Die meisten Leute haben ihre Bildung aus der Bild, und die besteht nun mal, wer wüsste das nicht, aus Angst, Hass, Titten und dem Wetterbericht!“. Diese Liedzeile trifft das Manko vieler Gegner der „Zeitung mit den großen Buchstaben“ – man darf nicht alles glauben, was man liest, und dem auch nicht zu viel Bedeutung beimessen. Andererseits haben Zeitschriften und Zeitungen auch einen nicht zu unterschätzenden politischen Einfluss auf die Menschheit: So gilt die Frankfurter Allgemeine Zeitung als CDU-nahe und eher konservativ, die Süddeutsche Zeitung dagegen eher als linksliberal und Rot-Grün orientiert, der Focus wird allgemein als Mitte-Rechts eingeordnet. Wer nur die Meldungen einer dieser Zeitungen verfolgt, läuft Gefahr, seine eigene politische Meinung irgendwann der seines Lieblings-Mediums anzupassen.

Aber nicht nur in Zeitungen, sondern auch jeden Abend vor dem Fernseher, in der Bahn auf dem Weg zur Schule oder auf riesengroßen Leinwänden sehen wir das, was uns vielleicht am meisten auf dieser Welt beeinflusst: WERBUNG! Sie umgibt uns jeden verdammten Tag, egal wo wir hingehen, sogar wenn wir zu Hause sind, sie ist immer um uns herum mit ihren riesengroßen, knallbunten Slogans, die immer neue Vorteile verheißen. Das neue Shampoo, das angeblich die Haare seidig-glänzend macht? Brauch ich! Die neuen Jeans, in denen meine Figur noch besser zur Geltung kommt? Brauch ich auch! Der neue Schokoriegel, der mir nach dem Sport noch schneller neue Kraft und Energie zuführt und meine Leistungsfähigkeit verbessert? Natürlich brauche ich auch den. Dass das gesamte Werbeimperium eigentlich nur eine Masche der Industrie ist, um ihre Produkte bestmöglich an den kaufwilligen Kunden zu vermitteln, bleibt im Hintergrund. Dass Werbestars auf Plakaten eigentlich auch nur hübsch „gephotoshopt“ wurden, wird ignoriert – Hauptsache, die gutgläubige Menschheit kauft, kauft, kauft. Dennoch sehen wir darüber hinweg, obwohl wir ganz genau wissen, dass das keine „natürliche Schönheit“ ist. Insofern werden wir also wieder einmal beeinflusst, denn wir kaufen dieses Shampoo, wir kaufen diese Jeans und wir kaufen auch diesen super angepriesenen Schokoriegel – ohne mal die eigene Intelligenz zu benutzen und zu bemerken, dass das alles nur Show ist.

Themawechsel: Wie steht‘s eigentlich um die Liebe bei euch? Dem Stoff, aus dem die Märchen sind? Wie viel Macht hat sie über uns? Was verändert sie in uns und vor allem: Wie gehen wir damit um?

 
Geld kann
das Leben
nicht kaufen

Wahrscheinlich war jeder von uns schon einmal verliebt, kennt das Kribbeln im Bauch, das Herzklopfen, sobald man ihn oder sie sieht und keinen klaren Gedanken mehr fassen kann. Zeitweise verändert man sogar seinen eigenen Charakter oder seine Lebensansicht, nur um dem Angebeteten zu gefallen und zu zeigen: Ich tue alles für Dich, wir passen doch super zusammen! Und schwuppdiwupp! Sind wir ein anderer Mensch, verlieren plötzlich gute Freunde, nur weil wir uns wegen dieser einen Person so arg verändert haben. Mit einer neuen Liebe beginnt auch gleichzeitig ein neuer Lebensabschnitt. Allerdings können wir nicht verhindern, dass wir vor Liebe blind werden und erst, wenn die Beziehung vorbei ist, bemerken, wie viel wir für diese Beziehung von uns selbst verloren haben und wie stark wir uns für jemand anderen verändert haben, der es nun letztendlich doch nicht wert war. Dann haben wir nicht nur unsere Liebe, sondern auch gleichzeitig, unsere guten alten Freunde, die unser Leben wesentlich länger beglückt haben und prägten als diese eine Liebe, verloren.

Wo wir gerade die Freunde angesprochen haben: Ist dir schon einmal aufgefallen wie viel Zeit du mit ihnen verbringst, wie viel Lebenszeit du in sie investierst? Ohne sie wärst du nicht, was du bist.

„Ein Freund ist gleichsam ein zweites Ich“, so beschreibt der römische Politiker und Bischof Ambrosius von Mailand (339-397) die Beziehung zweier Menschen, die sich auf eine Freundschaft einlassen und letztendlich sich selbst im Anderen wiederfinden. Für uns spiegelt das sehr gut wider, was wir darüber denken.

Freunde und falsche Freunde

Doch die Medaille hat bekanntlich zwei Seiten: Einerseits machen uns unsere FREUNDE natürlich erst zu dem, was wir sind, sie sind im besten Fall immer für uns da, treffen sich mit uns, helfen, wenn Sie gebraucht werden und stehen immer an unserer Seite. Andererseits kann eine gute Freundschaft auch schnell zu Bruch gehen und dann nur noch der Vergangenheit angehören, sodass es nur noch die „guten, alten Zeiten“ sind, über die man dann reden kann. Das bei so einem Bruch auch schnell die eigene Seele in Scherben liegen kann, lässt sich leider nur zu oft bemerken: Immer wieder fällt man auch auf falsche Freunde herein, die einen zum eigenen Profit ausnutzen, hinter unserem Rücken über uns reden und schließlich demütigen oder die Freundschaft in einem heftigen Rosenkrieg zerbrechen lassen. Ebenso kann es passieren, dass wir innerhalb unseres Freundeskreises zu Aktionen gedrängt werden, die uns eigentlich so gar nicht passen und bei denen wir ein mulmiges Gefühl im Bauch haben: Der Gruppenzwang drängt uns im Extremfall zum heimlichen Rauchen, Alkohol trinken oder Drogen nehmen, zu irgendwelchen dubiosen Mutproben wie Stehlen im Supermarkt oder Abbrechen von Mercedes-Sternen als Rucksack-Trophäe, oder auch zum Schuleschwänzen, um stattdessen lieber mit den Freunden am Baggersee zu chillen.

Laut einer Studie des deutschen Tankstellenbetreibers Aral trinken 94% aller Deutschen Kaffee,  immerhin noch 73% Prozent genießen ihr Lieblingsgetränk sogar täglich und am Besten sofort nach dem Aufstehen, und wer ohne den morgendlichen Kaffee ein anderer Mensch ist, kennt das Problem der Sucht, auch wenn es „nur“ um Kaffee geht. Doch auch wenn es vom Kaffee am Morgen zum Tütchen am Abend ein weiter Weg ist, die Abhängigkeit kennt jeder. Was es auch ist, man will es nicht, sondern braucht es einfach nur. Von dem Genussmittel wegzukommen fällt schwer – „Mit dem Rauchen aufzuhören ist kinderleicht. Ich habe es schon hundertmal geschafft“, so der Schriftsteller Mark Twain bezüglich des Problems mit der Sucht.

Doch nicht nur Kaffee ist eines der größten Suchtmittel auf unserer Welt. Nein, es gibt auch noch viel schlimmere, wie zum Beispiel Drogen. Im Gegensatz zu Kaffee kann das richtig gefährlich werden, mal abgesehen davon, dass es nicht legal ist und in diesem Milieu riskant zugeht, ist ein Absetzen durch mehrere Faktoren um einiges erschwert: Zum einen ist es der Suchtfaktor, der es einem einfach nicht erlaubt oder zumindest sehr schwer macht aufzuhören, und zum anderen ist ein Aufhören ohne Hilfe kaum zu schaffen.

Da man ja nicht grundlos mit Kiffen, Koksen und Ähnlichem beginnt, da zu Beginn der Kopf ja noch klar ist, muss es also eine Ursache geben – und die findet man wiederum oft im falschen Freundeskreis. Man kennt ja die Geschichten von abgestürzten Jugendlichen, die auf ihrem Drogentrip einfach zu hoch geflogen sind, die nach und nach ihre Realität verlassen und in einer LSD-geprägten irrealen Traumwelt leben, in der das Leben und man selbst so anders ist.

Man weiß, dass man es nicht will, dass es einem nichts bringt, versucht immer wieder davon loszukommen und scheitert am Ende doch jedes Mal. „Es ist doch zum Kotzen, eigentlich weiß man doch, dass man es nicht braucht?! Mir geht es im allgemeinen meist besser ohne Gras, dennoch kann ich meine Finger nicht davon lassen!“, so beschreibt die Userin *SoAbMe* in dem Forum „med1“ ihr Problem mit der Sucht. Und nicht nur sie hat diese harte Nuss zu knacken, überall verteilt, in allen Städten dieser Welt, findet man Süchtige, Abhängige, die mit ihrem Leben spielen, nur weil sie einfach nicht aufhören können.

Think different!

Hält man sich die Vielzahl der Faktoren vor Augen, die einen jeden Tag beeinflussen, könnte einem spontan die Lösung von Odysseus in den Sinn kommen, der seinen Männern befahl, Bienenwachs in die Ohren zu füllen, um nicht dem süßen Gesang der Sirenen zu erliegen. Mit dem Versuch, jede Beeinflussung aus seinem Leben zu verbannen, wird man sicherlich scheitern, doch wenn man genauer hinterfragt, was einen eigentlich beeinflusst, und ob man das macht, was man selbst möchte oder zu einer ferngesteuerten Marionette anderer Interessen geworden ist, ist schon viel gewonnen.

Vielleicht wisst ihr dann euer neues, knallrotes, von euren Eltern gesponsertes, Cabrio besser durch die Welt zu lenken, vielleicht gelingt es dann, sich nicht von Zufällen manipulieren oder überraschen zu lassen, vielleicht schafft ihr es dann, das eigene Boot namens „Leben“ sicher in den Hafen zu bringen.

Den verschiedenen Beeinflussungen, denen wir jeden Tag ausgesetzt sind, nachzugeben oder zu widerstehen macht uns irgendwann zu dem, was wir wirklich sind: Nämlich wir selbst.

 


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