Weihnacht 1944 ist mein erstes erinnerliches Fest. Ich war gerade drei Jahre alt. Es war wohl das Geschenk, das die Erinnerung so lange im Gedächtnis blieb.

Am Heiligabend betrat ich das festlich hergerichtete Wohnzimmer. Einzelheiten sind nicht haften geblieben, da ich sogleich voller Freude unter dem mickerigen Weihnachtsbaum ein tolles Geschenk entdeckte: einen hölzernen Panzer in Tarnanstrich mit drehbarem Turm und Kanone zum Verschießen von Erbsen. Ich war überglücklich.

Am nächsten Morgen kam mein Freund Johann. Auch ihm imponierte der Panzer, mit dem er sogleich losspielen wollte. So ging das aber nicht; angucken ja, anfassen und den Panzer bewegen nein! Als Johann zu weinen anfing, meinte meine Mutter, er dürfe sehr wohl mitspielen. Nun war ich an der Reihe zu zetern. Meine Mutter packte mich und brachte mich in die Toilette. Dort sollte ich ausharren, bis ich mich beruhigt hatte. Die Tür wurde nicht verschlossen, aber der Teppichklopfer lag quer davor. Beim Überschreiten riskierte ich, von Mutter den Staub aus der Hose geklopft zu bekommen. Die Toilettenhaft war eine schwere Strafe. Allein der Gedanke, hier zu brummen, während Johann fröhlich mit dem Panzer spielte, bereitete seelische Qualen. Doch mit der Zeit verflog der Ärger und weihnachtlicher Friede konnte einkehren.

Im Vorschulalter beschäftigte mich die Frage: gibt es überhaupt den Weihnachtsmann? Es bestanden erhebliche Zweifel. Sie gegenüber den Eltern zu äußern, war nicht unbedingt ratsam. Man wusste ja nicht, ob solch ketzerische Gedanken nicht zu Einbußen bei den Geschenken führten.

Heiligabend war das einzige Mal, wo der Weihnachtsmann in Person erwartet wurde. An einem Glockenklang hörte man ihn von fern sich nähern, und unter Glockengeläut trat er ein und verteilte Geschenke. Sobald er wieder gegangen war, platzte es aus mir heraus: „Klaut der Weihnachtsmann etwa? Die Glocke war doch unsere Schiffsglocke!“

Am nächsten Morgen wurde das Rätsel gelöst und meine Zweifel ausgeräumt, als nämlich der Nachbarsjunge mit unserer Schiffsglocke durch die Gegend lief. Sein Vater hatte sich am Heiligabend als Weihnachtsmann verkleidet!

Jan Stinus Ysker


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