Was bedeutet Burnout und wie lebt man damit? Der Spargel im Gespräch mit den Psychologinnen Frau Voß und Frau Kortmann-Steven

Immer öfter hört man von der neuen „Mode“- Krankheit, die sich schon fast einer Epidemie gleich in der westlichen Welt ausbreitet. Gemeint ist das Burnout-Syndrom, welches bei Menschen Auftritt, die dauerhaft enormen Stresssituationen ausgesetzt sind. Doch dabei allein an Büroangestellte oder Lagerarbeiter zu denken wäre falsch, denn eine andere Gruppe Menschen leidet ebenfalls unter starkem Stress. Jugendliche, insbesondere Gymnasiasten stoßen in ihrem Schulalltag auf ähnlich hohe Anforderungen und Probleme. Deshalb sprach der SPARGEL mit Frau Voß und Frau Kortmann-Steven, die beide als Psychologinnen in Großbuchholz arbeiten.

Besondere Aufmerksamkeit erlangt Burnout bei Schülern, seitdem die Oberstufenreform ein Abitur nach 12 Jahren vorschreibt. Der gleiche Unterrichtsstoff, der früher in 9 Schuljahren unterrichtet wurde, muss nun in nur 8 Jahren bewältigt werden. Dass seit ca. elf Jahren mehr Jugendliche mit Stresssymptomen sich fachmännische Unterstützung zu Rate ziehen, bemerkten auch die beiden Expertinnen Andrea Voß und Almut Kortmann-Steven. In einer Beratungsstelle nahe der MHH beraten die beiden Psychologinnen unter Stress leidende Menschen. Sie erklärten uns, dass die Anzeichen für eine übergroße Belastung Bauchschmerzen, Lustlosigkeit, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Angstzustände und vor allem Versagensängste sind.

Die Statistiken zeigen, dass in erster Linie Mädchen sich einem Psychologen anvertrauen, da diese unter starkem Stress eher mit der Familie oder den Freunden sprechen als Jungen, bei denen eine erhöhte Aggressivität zu verzeichnen ist. Jedoch ist die erste Reaktion auf erhöhte Belastung natürlich nicht eine sofortige Veränderung des Verhaltens, sondern das Suchen nach einer Möglichkeit, dem Stress zu ignorieren. Aus diesem Grund greifen immer mehr Jungen zum Alkohol und Mädchen bekommen Essstörungen, obwohl man beachten muss, dass in den letzten Jahren die Anzahl der „komasaufenden“ Mädchen fast genauso groß ist, wie die der Jungen. Auch andere Drogen, darunter auch Zigaretten, werden immer häufiger von der „Elite des Landes“ konsumiert. Aber egal ob es sich um Essstörungen oder Drogenmissbrauch handelt, häufig entwickelt sich daraus eine Sucht, die dann neben des Stresses behandelt werden muss.

Natürlich sei auch zu beachten, dass ein kurzweiliges Auftreten bestimmter Stress- oder auch Burnoutmerkmale nicht gleich eine Erkrankung bedeutet. Die psychische Krankheit schleicht sich über viele Monate bei gleichbleibender Belastung langsam in den Körper ein, sodass man sie kaum bemerkt. Die beiden Expertinnen meinten, dass noch nicht mal eine Woche Erholung ohne Schule und soziale Kontakte helfen würde, die Probleme zu bewältigen, da man jedes Mal dem gleichen Trott verfallen würde. Die einzig vernünftige Reaktion wäre eine psychologische Behandlung oder, falls die Situation zu eskalieren droht, ein Schulwechsel. Aus diesem Grund halten Frau Voß und Frau Kortmann-Steven unser Schulsystem und explizit das Abitur nach 12 Jahren für nicht lange tragbar.

Frau Kortmann-Steven fügte hinzu, dass die Häufung der psychisch beeinträchtigten Jugendlichen auch durch Missachtung der Empfehlung für die weiterführende Schule seitens der Eltern hervorgerufen wird. Sie ist der Auffassung, dass die Lehrer die schulischen Leistungen der Kinder besser beurteilen können, als die Eltern. Die Kinder sollten nicht auf eine Schule geschickt werden, wo sie total überfordert werden. Ein weiteres Problem sei, dass die Lehrer manchmal selbst überanstrengt sind und ihren Frust in Form von Kritik, schlechten Noten und zu vielen Hausaufgaben an den Schülern auslassen. Eine Hoffnung besteht jedoch in der zunehmenden Verjüngung des Lehrpersonals, das frischen Wind in den Unterricht bringen soll.

Außerdem wies Frau Voß darauf hin, dass man nicht nur auf der Schule herumhacken sollte, auch in der Freizeit sei es für viele junge Menschen so, dass sie dem Zwang der Eltern und Freunde ausgesetzt seien. Das zerstört natürlich das Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kindern, da die jungen Menschen ihre Eltern nicht enttäuschen wollen und ihre eigenen Bedürfnisse nicht mehr äußern oder ausleben. Das gefährliche bei dieser Abkapselung ist, dass Burnoutsymptome dann selbst von den Eltern nicht erkannt werden können. Besonders von denen könne ein Druck ausgeübt werden, der einen dazu veranlasst, eventuell auf eine nicht persönlich passende Lehranstalt zu gehen. Auch der Druck in Sportvereinen kann immens sein, da grade dort mit Erfolgen gerechnet wird.

Viele Psychologen sind der Meinung, dass es für eine Präventivbehandlung wichtig ist, dass Eltern ihren Kindern immer das Gefühl geben, sicher über alles reden zu können. Außerdem sollten Kinder in der Freizeit auch mal nichts tun dürfen, denn das regelmäßige „süße Nichtstun“ ist für die jungen Seelen unbedingt erforderlich. Außerdem sollten Kinder, wenn es ihnen Freude bereitet, in ihren Stärken gefördert werden, wobei es nicht auf Erfolge ankommt. Wenn das alles garantiert wird, ist eine Erkrankung fast ganz ausgeschlossen.


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