Herr Diekmann, als Schüler waren sie selbst Mitglied einer Schülerzeitung. Laut Internet hatte ihre damalige Zeitung „Passpartout“ eine Auflage von 15.000 Exemplaren. Wie konnten Sie diese enormen Zahlen erreichen?

Da sieht man mal wieder wie unzuverlässig das Internet als Informationsquelle ist. Unsere Schülerzeitung hatte eine Auflage von 30.000-35.000 Exemplaren. Wir verteilten das Blatt kostenlos an unserer Schule in Bielefeld und an anderen Schulen – auch in anderen Städten. Deshalb gab es für jede Schule einen eigenen Regionalteil, der sich mit dem jeweiligen Schulleben beschäftigte. Die Zeitung finanzierte sich durch Anzeigen und unsere Eltern halfen uns, die Ausgaben mit dem Auto zu den verschiedenen Schulen zu bringen.

Als Chefredakteur der größten deutschen Tageszeitung sind Sie gut mit einigen Politikern und Prominenten befreundet. So waren zum Beispiel Sie und der Altbundeskanzler Helmut Kohl gegenseitig Trauzeugen auf Ihren Hochzeiten und auch Dieter Bohlen zählt zu Ihren engsten Freunden. Wie gelingt es Ihnen, Berufliches und Privates zu trennen, um so objektive Berichtserstattungen zu ermöglichen?

Zunächst einmal hat sich die Freundschaft mit Helmut Kohl erst entwickelt, seitdem er nicht mehr Bundeskanzler ist. Grundsätzlich ist es natürlich nicht einfach mit Politikern und Prominenten befreundet zu sein, da BILD über sie berichten muss. Bei meiner langjährigen Berufserfahrung bleibt es nicht aus, mit Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, befreundet zu sein. Aber trotzdem muss ich Berufliches und Privates klar trennen und im Zweifelsfall muss Freundschaft eben auch eine BILD-Kritik ertragen können.

Ist durch BILD schon eine Ihrer Freundschaften zerbrochen?

Natürlich sind meine Freunde nicht immer einverstanden mit der einen oder anderen Schlagzeile, sodass ich viel mit ihnen über BILD diskutiere. Manchmal herrscht nach einer BILD-Kritik auch Funkstille zwischen mir und Bekannten. Aber bisher haben wir uns immer wieder zusammengerauft.

Wie gehen Sie persönlich mit Kritik an Ihrer Person um?

Wenn ich Deutschlands beliebtester Journalist sein wollte, dürfte ich nicht BILD-Chefredakteur sein. Wir teilen viel Kritik aus und müssen deshalb auch einstecken. Wenn es mich persönlich betrifft, setzte ich mich mit der Kritik auseinander und ärgere ich mich,  wenn sie ungerechtfertigt ist. Aber als BILD-Chefredakteur gehört es zur Berufsbeschreibung, zu kritisieren und selbst kritisiert zu werden. Darüber darf man sich dann nicht beklagen.

Bevor sie zu BILD wechselten, waren Sie zuvor der Chefredakteur der WELT am SONNTAG. Inwieweit hat sich Ihre journalistische Tätigkeit geändert, insbesondere im Hinblick darauf, dass BILD eine Tageszeitung und die WELT am SONNTAG ein Wochenblatt ist?

Als Tageszeitung müssen wir bei BILD Tag für Tag von vorne anfangen, eine Zeitung zu erstellen. Die WELT am SONNTAG hingegen muss so geplant und gestaltet werden, dass der Leser, der die Themen der Woche bereits aus den Tageszeitungen und dem Fernsehen kennt, trotzdem noch etwas Neues am Sonntag erfährt.  Außerdem erscheint BILD in einer täglichen Auflage von 3 Millionen Exemplaren und hat 12 Millionen Leser quer durch alle Bevölkerungsschichten. Die WELT am SONNTAG hat eine Auflage von fast 400.000 und ist für ein ganz anderes Publikum in einer anderen Lesesituation konzipiert. Vor allem die Leserschaft muss sich natürlich im Blatt widerspiegeln. Und nicht zuletzt wird die WELT am SONNTAG als Abo-Zeitung in die Briefkästen gesteckt. BILD wird zu 99 Prozent im Einzelverkauf vertreiben. Das heißt, die Leser müssen sich jeden Tag auf’s neue den Weg zum Kiosk machen. Und nicht zuletzt ist BILD im Vergleich zu andern Blättern eine Zeitung, die viel stärker auf Emotionen setzt. Wir sind eine Volkszeitung, die jeder versteht und jeder fühlen kann.

Welche Aufgabe reizt Sie, Herr Diekmann, persönlich mehr: Die tägliche Tageszeitung in Millionen Auflage oder das Wochenblatt zu erstellen? 

Ich habe bei der WELT am SONNTAG wahnsinnig gerne gearbeitet. Besonders die Textmengen haben mich fasziniert. An BILD finde ich spannend, dass hier jede Art von Journalismus möglich ist: Kurzer und knackiger Boulevard, großen Flächen und Fotos, wie einer Illustrierten, und auch ein 700 Zeilen-Interview mit Angela Merkel. Ich kenne sonst keine Zeitung, bei der eine solche Vielfalt möglich ist. Außerdem ist es eine Herausforderung, Tag für Tag eine Zeitung zu machen, die Meinungsführer ist und ihren Lesern einen Informationsvorsprung garantiert.

Das wichtigste an BILD ist das Titelthema, da dieses entscheidet, ob der einzelne Leser diese Ausgabe kauft oder nicht. Nach welchen Kriterien suchen Sie sich die Titelthemen aus? Oder anders gefragt: Was ist wichtiger: Die Trennung eines Prominenten oder dass fünf Menschen in Kabul getötet worden sind?

Das ist immer wieder eine der schwierigsten Aufgaben. Wir diskutieren jeden Tag intensiv in der Redaktion, mit welchem Thema wir die meisten Menschen ansprechen können. Aber natürlich kann man es nie allen Menschen gleichzeitig Recht machen. Gerade heute haben wir lange überlegt, ob die Trennung des Komikers Otto Waalkes wichtiger ist oder die ungeklärte Nachfolge von Thomas Gottschalk in Deutschlands beliebtester Fernsehshow „Wetten dass…“ (Anm. d. Red: Otto wurde Titelthema).

Inwieweit spielen bei den BILD-Artikeln, insbesondere dem Titelthema, die reißerischen Überschriften eine Rolle, die oft übertrieben sind wie z.B. in der Griechenland-Debatte „Stürzt der Euro ein?“

Diese Schlagzeile war alles andere als übertrieben, schauen Sie doch mal auf die aktuelle Diskussion. Wir bringen auf den Punkt, was passiert und reden nicht drumherum. Im Kern geht bei der Griechenland-Debatte um die Frage: „Zerbricht der Euro?“. So titelte selbst die „Wirtschaftswoche“: „Euroland ist abgebrannt“. Manchmal müssen Schlagzeilen aufrütteln, provozieren und auch polarisieren.

Warum wird dann aber in den Überschriften immer wieder so stark übertrieben, dass zum Beispiel im Falle des EHEC-Skandals Massenpaniken ausbrechen, alle Menschen verunsichert sind und ganze Wirtschaftsteile zusammenbrechen? Inwieweit können Medien in der heutigen Zeit noch informieren ohne gleichzeitig eine Massenpanik auslösen?

Die Überbringer schlechter Nachrichten dürfen nicht für die schlechte Nachricht verantwortlich gemacht werden. Es ist Hauptaufgabe der Medien darüber zu berichten was passiert – zum Beispiel wenn die deutschen Behörden die höchste Alarmstufe ausrufen, wie im EHEC-Skandal. Auch wenn nach jedem Bericht über einen schlechten Salat kein Salat mehr gegessen wird, ist es wichtig, dass die Medien aufklären und informieren.

Glauben Sie, dass Medien mit euphorischen Überschriften wie z.B. „Wir sind Papst“ die Stimmung im Volk verstärken und überschwappen lassen, dass Medien also auch im positiven Sinne prägen können? 

Wer wichtiges zu sagen hat, macht nicht viele Worte

Unsere Aufgabe ist nicht, für Launen und „Nicht-Launen“ in der Bevölkerung zu sorgen, sondern wir greifen die Stimmung im Land auf. BILD schreibt nicht nur was passiert, sondern auch wie es sich anfühlt. Die Süddeutsche Zeitung brachte dies einmal sehr gut auf den Punkt: „BILD ist der Seismograph der deutschen Befindlichkeit“. Dabei spielen die Überschriften eine wichtige Rolle. Zum Beispiel „Wir sind Papst“. Diese Schlagzeile ist zwar, wie sich ein Deutschlehrer offiziell beim Presserat beschwerte, inhaltlich und grammatikalisch falsch – schließlich wurde ein Deutscher zum Papst gewählt und nicht das ganze Volk – aber sie brachte die Stimmung in Deutschland auf den Punkt: Kollektive Freude.

Die BILD versteht sich als Sprachrohr der Meinung der Deutschen. Wie gelingt es Ihnen dieser Anforderung gerecht zu werden und wirklich die Meinung der Deutschen zu repräsentieren?

BILD wird ja nicht von mir alleine gemacht. Hinter BILD stehen 850 erfahrene Journalisten, die in ganz Deutschland arbeiten. Dabei sitzen sie nicht im stillen Kämmerlein, sondern sind auch auf der Straße unterwegs. Zusammen diskutieren wir jeden Tag intensiv darüber, was Deutschland am meisten bewegt und interessiert.

In unserer nächsten SPARGEL-Ausgabe beschäftigen wir uns mit dem Thema „Was uns lenkt“. Inwieweit werden wir Menschen in unserem täglichen Leben von Medien gelenkt? 

In Deutschland gibt es so viele Zeitungen und Zeitschriften, wie in fast keinem anderen Land. Diese Meinungsvielfalt ist fantastisch, denn so kann jeder das lesen, was ihn interessiert. Ich glaube nicht, dass große Medien wie BILD, DER SPIEGEL, FAZ oder die Süddeutsche Zeitung etwas in Gang setzen können, was vorher nicht da war. Wenn das so wäre, hätte Helmut Kohl nicht 16 Jahre lang als Bundeskanzler regiert, obwohl er viele Medien gegen sich hatte. Ich glaube nicht, dass sich die Menschen einfach etwas einreden lassen, das ihrer Überzeugung widerspricht.

Dann haben sie aber ein sehr positives Menschenbild.

Ja.
Diekmann

Besonders uns als Jugendlichen fällt auf, dass es so eine große Medienvielfalt gibt, dass die Informationsflut kaum noch zu bewältigen ist. Glauben Sie, dass sich eine zu große Medienlandschaft auch negativ auf die Gesellschaft auswirken kann?

Ich glaube, dass der Journalismus im Zeitalter der Informationsüberflutung immer wichtiger wird. Was ist Journalismus? Journalismus ist Welterklärung, Journalismus ist Einordnung! Journalisten setzen Themen in Zusammenhänge. Das Mediennutzungsverhalten verändert sich rasant: Als ich zur Schule ging, gab es kaum eine Auswahl im Fernsehprogramm. Wenn Donnerstagabends „Dalli-Dalli“ lief, war das am nächsten Tag Thema auf dem Schulhof. Fernsehen war Gemeinschaftserlebnis, Fernsehen war identitätsstiftend. Das gibt es heute bei mehr als 140 Fernsehsendern nicht mehr. Wir sehen zwar immer mehr fern, aber alle etwas anderes und zu einem anderen Zeitpunkt. Das gemeinsame Fernseherlebnis gibt es heute höchstens noch bei einer Fußball-WM oder -EM. Aber die Menschen suchen noch immer Gemeinschaftserlebnisse. Sie gehen ja nicht zum Public Viewing, weil sie keinen Fernseher zu Hause haben, sondern weil sie etwas gemeinsam erleben wollen. Das ist auch das Geheimnis der sozialen Netzwerke wie „facebook“ – die Gemeinde und die Gemeinschaft, die sich online versammelt.

…Wo sie gerade die sozialen Netzwerke ansprechen: Bewerten Sie die neuen Möglichkeiten des Internets eher negativ oder eher positiv?

Wir müssen die neuen technischen Möglichkeiten umarmen und nutzen. Unser Geschäftsmodell ist der Verkauf von Informationen, von Inhalten – unabhängig vom Kanal. Wir sind schließlich keine Holz- oder Papierhändler, wir sind Journalisten! Das Internet bietet großartige neue Möglichkeiten, Inhalte umzusetzen. Wir sind mit der Marke BILD auch online, auf dem iPad und dem iPhone erfolgreich – und Marktführer.

Denken Sie, dass das BILD-Online-Portal manche Leser noch mehr anspricht oder besser erreicht, weil der morgendliche Gang zum Kiosk wegfällt?

Das ist vor allem eine Generationenfrage! Heute gibt es sehr viele junge Leute, die damit aufwachsen, dass Sie für mit Informationen bedrucktes Papier kein Geld mehr ausgeben müssen, sondern sich im Internet kostenlos informieren können. Die Statistiken über Mediennutzung zeigen, dass die Jugend mittlerweile mehr Zeit vor dem PC als vor dem Fernseher verbringt. Das heißt, für diese Zielgruppe müssen wir Informationen Online und Mobil anbieten. Noch einmal: Der Kanal, auf dem die Informationen genutzt werden ist dabei zweitrangig.

In unserem Land gelten Medien als die „vierte Gewalt“ neben der Judikative, Exekutive und Legislative. Dieser Begriff ist nun schon ziemlich alt. Denken Sie, dass sich die Zeiten soweit verändert haben, dass die Medien sogar wichtiger sind als Parlament, Regierung und Gericht und zur „ersten Gewalt“ geworden sind?

Wenn wir von der „vierten Gewalt“ reden, dann geht es darum, dass wir ein Balancesystem brauchen. Die Aufgabe des Journalismus ist auch, auf Missstände aufmerksam zu machen.

Aber meinen Sie nicht auch, dass es früher mehr Kontrolle durch die Medien gab und die Medien heutzutage eher beeinflussen, sodass ein Politiker wirklich aufpassen muss, wie er seine Meinung äußert, ohne dass sich das negativ auf das Wahlverhalten auswirkt?

Guter
Journalismus darf parteiisch sein […]

Natürlich! Zeitungslektüre und Mediennutzung sind die Voraussetzungen für eine gesellschaftliche Debatte. Deswegen müssen Politiker auch die Medien nutzen, um ihre Standpunkte zu kommunizieren. Mit dem Internet haben Politiker zwar die Möglichkeit, sich direkt an ihre Wähler zu wenden – via Podcasts oder Blogs. Aber an der Rolle der Medien als Vermittler von Inhalten und als Austragungsort von politischen und gesellschaftlichen Diskursen, hat sich nichts geändert.

Dazu noch eine andere Frage: Wenn zum Beispiel innerhalb einer Koalition, egal welcher, diskutiert wird, werfen Medien sofort die Frage auf, ob die Regierung an dem Streit zerbricht. Ist eine solche Zuspitzung denn wirklich konstruktiv?

Wenn es Streit gibt, muss man den Streit auch benennen. Und vieles in der Politik ist schlicht und ergreifend Streit. Wenn die Koalition beschließt, die Steuern zu senken, und die SPD am nächsten Tag mitteilt, dass sie das nicht mitträgt und den Gang zum Verfassungsgericht erwägt, ist das ein veritabler Streit. Diese Streitkultur gehört in der Politik dazu. Dann immer gleich „Alles aus – Koalition ist am Ende!“ an die Wand zu malen, ist vielleicht übertrieben. Und wer zu oft übertreibt, muss damit rechnen, irgendwann nicht mehr gehört zu werden.

Wir leben ja nicht nur in einer Streit-, sondern auch in einer Konfliktkultur. Wie steht es denn um das Wort „Diskussion“, muss immer gleich von Streit gesprochen werden, wenn Politiker reden? 

Wenn es Streit ist, ist es Streit! Haben Sie denn das Gefühl, dass Frau Merkel mit Herrn Papandreou diskutiert hat? Oder bei anderen aktuellen Themen: Bankenkrise, Pflegekosten, Steuern… Über all das wird gestritten! Für mich jedenfalls sieht eine Diskussion anders aus.

Sie haben eben gesagt: „Wer zu oft übertreibt, wird irgendwann nicht mehr gehört“. Doch gerade die BILD titelte erst neulich: „Schmeißt die Griechen aus dem Euro raus!“ Sind ihre Überschriften da nicht auch zu dick aufgetragen? Darf Journalismus so direkt an die Politik appellieren?

Ja, selbstverständlich! Es ist unsere Aufgabe zu appellieren und den Mächtigen auf die Finger zu schauen. Wenn einem der Euro lieb und teuer ist, dann muss der Ausschluss der Griechen aus dem gemeinsamen Währungssystem natürlich auch eine Option sein. Wir haben gerade unter Schmerzen ein milliardenschweres Rettungspaket geschnürt. Menschen in ganz Europa bringen für die Griechen Opfer! Erklären sie mal einem slowakischen Rentner, dem monatlich 400 Euro zur Verfügung stehen, warum er einen griechischen Rentner mit 1200 Euro Rente unterstützen oder gar retten soll! Ich gebe zu, BILD spitzt in den Schlagzeile zu, aber wir bringen es eben auf den Punkt. Nebenbei bemerkt, alles was BILD in den letzten zwei Jahren vorausgesagt hat, ist eingetroffen. Ich hätte lieber nicht Recht behalten.

Griechenland ist ja schon lange verschuldet. Hätten die Medien das Griechenland Problem nicht schon viel eher erkennen können, bevor das Land der Euro-Zone beigetreten ist?

Im letzten Jahr gab es in BILD eine große Serie „Geheimakte Griechenland“, die beschrieb, wie sich die Griechen in den Euro schummelten. Die Griechen haben getrickst und getäuscht, haben Angaben und Papiere gefälscht. BILD hat das aufgedeckt. Für diese Serie wurden wir in diesem Jahr mit dem Herbert-Quandt-Medien-Preis ausgezeichnet.

Also denken Sie, dass die Medien Politik beeinflussen können?

Medien können Prozesse auslösen und ins Rollen bringen. Die schockierenden Fotos aus Vietnam haben dem Krieg ein Gesicht gegeben und damit einen wichtigen Beitrag zur Beendigung des Krieges geleistet. Die Entscheidung für den NATO-Einsatz im Kosovo wurde unter anderem nach der Veröffentlichung der grausamen Fotos von dort getroffen. Natürlichen können und wollen Medien mit ihrer Berichterstattung etwas bewirken.

Sind Medien dann die Stimme des Volkes?

Für BILD trifft das zu. Ob die Kollegen der FAZ das auch von sich behaupten, weiß ich nicht.

Sie sprechen gerade die FAZ an, die für ihren Stil berühmt ist. Was zeichnet denn ihrer Meinung guten Journalismus aus?

Guter Journalismus muss unvoreingenommen sein, leidenschaftlich, neugierig, kreativ, überraschend und klar.

Wie steht es um die Neutralität? Darf man auch subjektiv oder gar reißerisch berichten?

Was heißt denn neutral? Wenn etwas schief läuft, dann bin ich nicht neutral, sondern rege mich auf. Guter Journalismus darf parteiisch sein, für eine gute Sache die Initiative ergreifen oder sich über eine schlechte aufregen. Einer der großen deutschen Journalisten, Henri Nannen, war stolz auf seine Kampagnen gegen den Paragraphen 218 oder für die neue Ostpolitik Willy Brandts. Das gehört zu gutem Journalismus dazu!

Täglich bekommen Sie Schreckensmeldungen, sehen Bilder von Kriegsopfern oder schwer verletzten Kindern von Unfällen. Wie schaffen Sie es, davon nicht abzustumpfen bzw. dass sie nicht von jedem Bild neu geschockt sind?

Sie könnten auch einen Unfallchirurgen fragen, wie er damit umgeht, dass täglich verunglückte Motorradfahrer auf seinem OP-Tisch liegen. Er geht professionell damit um, und versucht Leben zu retten. Das ist seine Aufgabe. Wir Journalisten müssen mit schlechten und schrecklichen Meldungen umgehen. Das heißt aber nicht, dass uns Geschichten oder Bilder nicht berühren. Wir haben den Auftrag zu berichten, und der muss erfüllt werden, wenn die Informationen relevant sind.

Schaffen Sie es denn abends, die Geschichten des Tages nicht in den Feierabend mit hinein zunehmen?

Ja, ich schließe normalerweise abends wenn ich nach Hause gehe mit der Arbeit ab. Aber natürlich rede ich auch mit meiner Frau darüber, was so passiert ist. Das tut wohl jeder, oder?

Herr Diekmann, seit einiger Zeit läuft eine bundesweite Werbekampagne, in der Prominente zu der BILD Stellung nehmen. Jetzt sind Sie dran: Ihre Meinung zu BILD, Herr Diekmann?

Echt geil.

?!

Das macht die Kampagne aus, sie ist kurz und knackig. „Wer etwas Wichtiges zu sagen hat, macht keine langen Sätze“ – das war auch mal ein Slogan von Bild.

Jeden Tag ist in der BILD auf Seite 1 eine junge, nackte Frau abgebildet. Hat die BILD-Zeitung ein negatives, abwertendes Frauenbild?

Ganz und gar nicht! Die jungen Damen bewerben sich bei uns um auf die Seite 1 zu kommen. Es sind keine Models, sondern ganz normale junge Frauen. Wir fotografieren sie mit großem Aufwand und setzen sie sehr professionell in Szene. Das Ganze realisiert im Übrigen ein reines Frauenteam. Ich kann es nicht nachvollziehen, wenn das jemand als abwertend empfindet. Nacktheit gehört zu unserer Gesellschaft und zu unserem Leben dazu.

Was ist mit dem Songtext der Ärzte in „Lasse Reden“: „Die meisten Leute haben ihre Bildung aus der Bild, und die besteht, wer wüsste das nicht, aus Angst, Hass, Titten und dem Wetterbericht!“? 

Ich glaube nicht, dass man allein mit dem Seite-1-Mädchen täglich 12 Millionen Leser halten könnte. Bei BILD heißt es immer gleich „Pfui!“, in der Süddeutschen Zeitung nennt man es „Kunst!“. Schauen sie doch nur einmal an die Decke der Sixtinischen Kapelle an, Michelangelo hat nackte Frauen gemalt und die Frau als Akt zieht sich durch die Jahrhunderte der Kunstgeschichte. Heute ist das Teil unserer Unterhaltungskultur. Aber das Seite-1-Mädchen ist auch keine Pflicht. Samstags zum Beispiel oder wenn die Nachrichtenlage es nicht zulässt, verzichten wir darauf.

Unsere letzte, übliche Frage: Erzählen Sie uns ein Erlebnis aus Ihrer Schulzeit!

Eine Geschichte die mit der Schule zu tun hat, obwohl ich zu dem Zeitpunkt die Schulzeit beendet hatte: Damals verpflichtete ich mich freiwillig zur Bundeswehr und wettete mit einem Lehrer, dass  ich es schaffe, einen Bundeswehrhubschrauber während der Unterrichtszeit auf dem Schulhof landen zu lassen. Ich war Pressesoldat und es war unsere Aufgabe, Journalisten zu betreuen, die vorher eingeflogen worden. Ich habe dann dafür gesorgt, dass wir einen Kollegen aus Bielefeld abholen mussten – und der einzige Landeplatz für den amerikanischen Militärhubschrauber Black Hawk war natürlich der Sportplatz meiner Schule….

Herr Diekmann, vielen Dank für das Gespräch! 

 


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